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Passivhaus wird 30 Jahre Feist: "Baustandards erlauben zu hohen Energieverbrauch"

Das Passivhaus feiert seinen 30. Geburtstag. Das als Experiment gestartete Pionierprojekt des Bauphysikers Prof. Wolfgang Feist kann sich einen großen Verdienst zugutehalten: Als Klimaschutz erst bei wenigen auf der Agenda stand, ebnete es den Weg für Energieeffizienz bei Gebäuden. Heute wird der Passivhaus-Standard rund um den Globus realisiert.

"Ich bin natürlich froh über diese Entwicklung. Vom ersten experimentellen Wohnhaus bis hin zu den weltweiten Projekten und Quartieren im Passivhaus-Standard“, erklärt Passivhaus-Pionier Prof. Wolfgang Feist. Er macht jedoch klar: "Ohne ein deutlich höheres Engagement der Regierungen geht es aber bei der besseren energetischen Ausführung von Gebäuden nur langsam voran.“ Dabei hat der Physiker mit dem Bau des weltweit ersten Passivhauses eine praktikable Lösung für hohe Energieeffizienz demonstriert.

Schon in den 70er-Jahren sei klar gewesen, so Feist, dass die Ressourcen der fossilen Energie begrenzt sind. Zudem verursache die Gewinnung und Nutzung dieser Energie zu hohe CO₂-Emissionen. Zusammen mit dem schwedischen Ingenieur Bo Adamson habe er nach Lösungen gesucht, wie sich Häuser ohne klassisches Heizsystem auch im mitteleuropäischen Klima umsetzen lassen. Die größte Motivation war dabei der Klimaschutz.

Wärmeverlust stoppen

Klar war, dass der typische aber unnötige Wärmeverlust in Gebäuden stark zu reduzieren sei. Eine gute Wärmedämmung an Wänden, beim Dach und zum Erdreich hin sei neben einer zusätzlichen, dritten Scheibe in den Fenstern ein gutes Mittel dazu. Ist das Gebäude zudem nahezu luftdicht gebaut und seien Wärmebrücken vermieden worden, bleiben die Innenräume mit Unterstützung passiver Wärmequellen wie der Sonneneinstrahlung ganz automatisch für lange Zeit angenehm warm. Im Sommer sind Passivhäuser kühl.

Schließlich ermittelte Prof. Feist Kennwerte für besseres Bauen: So entstand der Passivhaus-Standard. Feist legte fest, dass dieser für alle Interessenten frei verfügbar sein sollte. Das Pilotprojekt Passivhaus baute Familie Feist in einer Gemeinschaft mit drei weiteren Familien, als Komplex aus vier baugleichen Reihenhäusern. Das Land Hessen unterstützte das Forschungsprojekt. Dennoch wurde es von vielen belächelt.

Forschung seit dem ersten Tag

Auf einem Gelände, das die Stadt Darmstadt für experimentelles Bauen ausgewiesen hatte, rollten im Herbst 1990 die Bagger an. Im Frühjahr 1991, vor genau 30 Jahren, feierten die Baufamilien zusammen mit der Öffentlichkeit Richtfest. Im Herbst 1991 bezogen sie ihr neues Zuhause. Seit dem ersten Tag wird am weltweit ersten Passivhaus intensiv geforscht, aktuell läuft u.a. ein Messprojekt der Internationalen Energie Agentur (IEA).

Soziale Gerechtigkeit

30 Jahre nach dem Bau des ersten Passivhauses sind Schulen, Kitas, Turnhallen, Supermärkte, Hallenbäder, Museen, Hotels sowie ganze Quartiere im Passivhaus-Standard selbstverständlich. Heute ist hinreichend bekannt, dass Passivhäuser nur sehr wenig Energie zum Heizen und Kühlen benötigen. Damit sind sie ein wichtiger Baustein für effektiven Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. Den Wohnkomfort gibt es als Plus dazu. Vermehrt legen Kommunen und Länder in ihren Bauvorschriften konsequente Energieeffizienz im Passivhaus-Standard fest (Passivhaus-Beschlüsse).

Energieeffizienz ein Muss

Mit Blick auf die Klimakrise sei das energieeffiziente Bauen ein Muss. Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das deutsche Klimaschutzgesetz in Teilen für verfassungswidrig erklärt: Die Regierung müsse klarer regeln, wie die Minderung der Emissionen nach dem Jahr 2030 effektiv erfolge, so das Urteil.

Kipppunkte nahen

Energieeffiziente Gebäude sind grundlegend für eine flächendeckende Versorgung mit erneuerbarer Energie und damit wichtiger Teil der Lösung. "Wenn Kipppunkte erreicht werden, dann gibt es keinen Impfstoff, der das Grauen aufhält. Wir müssen jetzt handeln, um die Zukunft auf diesem Planeten lebenswert zu erhalten“, erklärt Feist und mahnt: "Der Bausektor muss mehr zum Klimaschutz beitragen. Viele nationale Baustandards erlauben noch einen zu hohen Energieverbrauch."

25 Jahre Passivhaus Institut

Das Potential energieeffizienten Bauens und Sanierens haben auch Hersteller und Handwerker als Chance begriffen. Die Komponenten-Datenbank des Passivhaus Instituts zählt mittlerweile über 1.200 zertifizierte Bauteile. Früh hat die Technische Universität Innsbruck die Wichtigkeit für Forschung und Lehre erkannt: Bauphysiker Feist lehrte dort mehr als zehn Jahre lang energieeffizientes Bauen. So wächst auch die Zahl der Fachleute. Jedes Jahr treffen sich viele von ihnen bei der Internationalen Passivhaustagung. Die findet in diesem Jahr bereits zum 25. Mal statt. Kurz vor der ersten Tagung 1996 hatte Wolfgang Feist das Passivhaus Institut gegründet. Das begeht nun sein 25jähriges Bestehen.

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