Folgen der Corona-Pandemie Steht die Fensterbranche an einem Scheideweg?

Infolge der Corona-Pandemie stehen dem Fenstermarkt in der DACH-Region für die kommenden Jahre schwierige Zeiten bevor. Wie schätzen maßgebliche Industrie- wie Handwerksverbände die konjunkturelle Entwicklung ein und welche Wege führen aus der Krise? Eine Bestandsaufnahme.

Dem Verband Fenster + Fassade (VFF) bereitet der prognostizierte, deutliche Rückgang im Nichtwohnbau ab 2021 am meisten Sorge. - © Friedrichd

Die Prognosen für den Fenstermarkt sind düster: Laut einer Studie von Interconnection Consulting (ICC) geht der Absatz in der DACH-Region 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent zurück. Als Ursache machen die Analysten die Corona-Pandemie verantwortlich. Die Segmente Neubau (minus sieben Prozent) und Renovierung (minus 7,4 Prozent) seien gleichermaßen von der Krise betroffen. Vor allem der Einbruch im Wohnbau mache der Branche zu schaffen, auf dieses Segment entfielen an die zwei Drittel des Gesamtumsatzes.

In Deutschland soll der Umsatzrückgang im Jahr 2020 voraussichtlich mit minus sechs Prozent zu Buche schlagen. Erst 2023 werde das Volumen wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Durch den Negativtrend im Wohnbau müsse man auch von einer stark rückläufigen Zahl an Baufertigstellungen ausgehen.

Ein ähnliches Szenario präsentierte Christian Blanke von Heinze auf der Webinar-Fachtagung des Verbands Fenster + Fassade (VFF) Ende Mai: Aufgrund der Krise werde der Fenstermarkt 2020 erstmals seit zehn Jahren wieder ein Minus verzeichnen. 2019 habe die Branche nach einer Dekade des Wachstums 14,8 Millionen Fenstereinheiten (eine FE entspricht 1,69 Quadratmeter) abgesetzt (plus 2,4 Prozent im Vergleich zu 2018). Der erwartete Rückgang für 2020 betrage fünfeinhalb Prozent auf 13,9 Millionen FE. Besonders bemerkbar mache sich das Minus von zehn Prozent beim Fensterabsatz im Neubau, während der Absatzrückgang in der Sanierung bei zirka zwei Prozent liege.

Investieren die Kommunen weniger?

„Bisher hat die Corona-Pandemie nur geringe Auswirkungen auf unsere Branche gehabt“, sagt VFF-Geschäftsführer Frank Lange. „Die Bauprojekte liefen weiter, und bis zum 30. Juni 2020 war die Auslastung bei den Betrieben unverändert gut.“ Ein Großteil der Unternehmen habe das Homeoffice genutzt, und mehr als ein Drittel der Betriebe hätten Kurzarbeitergeld beantragt. Langes Sorge richtet sich vor allem auf den prognostizierten, deutlichen Rückgang im Nichtwohnbau ab 2021. „Im Zuge der Haushaltskonsolidierung befürchten wir eine nachlassende Investitionsbereitschaft der Kommunen sowie rückläufige Investitionen von Industrie und Wirtschaft“, führt er aus. „In unserer Mitgliederumfrage spiegelt sich das so wider, dass die Unternehmen in diesem Jahr mit Umsatzrückgängen zwischen zehn und 15 Prozent kalkulieren.“

Rahmen: Holz/Alu ist weiter gefragt

Was die Rahmenmaterialien betrifft, gewinnen Kombinationen weiter an Boden. Für Holz/Alu-Rahmen prognostiziert Interconnection Consulting in der DACH-Region eine Erhöhung des Marktanteils bis 2023 auf 15,6 Prozent (2019: 14,9 Prozent). Die Kunststoff/Alu-Fenster werden in diesem Zeitraum von siebeneinhalb auf acht Prozent zulegen. Das Holzfenster dagegen werde seinen dramatischen Rückgang noch weiter fortsetzen und bis 2023 nur noch einen Anteil von 11,8 Prozent für sich verbuchen können. 2015 hatte dieser noch bei 14 Prozent gelegen.

In Deutschland ist PVC das beliebteste Rahmenmaterial – es kommt auf einen Anteil von zirka der Hälfte des Markts. Zwischen 2015 und 2019 habe Kunststoff stark vom Neubauboom profitiert, da gerade die öffentlichen Bauprojekte stark vom Preis getrieben wurden. Metall liege an zweiter Stelle, gefolgt von Holzfenstern. Letztere werden im Renovierungsbereich oftmals durch Holz/Alu-Rahmen ersetzt, deren Marktanteil kontinuierlich steige. Durch den deutlichen Rückgang im Nichtwohnbau erwartet Christian Blanke von Heinze für das Rahmenmaterial Metall das klarste Minus aller Rahmenmaterialien.

Die Wege, die aus der Krise führen

Chancen, mit der schwierigen Lage umzugehen, gibt es laut VFF-Geschäftsführer Lange eine ganze Reihe: „Ich möchte nur auf den Überhang von 700.000 Baugenehmigungen und die energetische Sanierung im Kontext des Klimaschutzes hinweisen. Abgesehen davon bietet der mögliche Ausbau des Leistungsportfolios über das Segment Fenster hinaus, z.B. in den Bereichen Sonnenschutz, Automatisierung, Lüftung und Wartung, den Unternehmen noch zusätzliches Potenzial.“

Zudem stehe ja noch das Klimapaket von Ende 2019 mit einem Umfang von 30 bis 40 Milliarden Euro im Raum, von dem ein guter Teil auch für die Gebäudehülle nutzbar sei. Wichtige Stichworte sind nach Angaben von Lange z.B. die steuerliche Förderung und KfW-Fördermaßnahmen. Was das Corona-Konjunkturpaket mit einem Umfang von mehr als 50 Milliarden Euro für neue Technologien und den Klimaschutz angehe, könnten daraus ebenfalls Fördergelder für mögliche Investitionen in neue, energieeffiziente Fensterkonstruktionen generiert werden.

Handwerk erreicht Kapazitätsgrenze

Im Handwerk ist unterdessen nichts von einer Corona-Krisenstimmung zu spüren. Im Gegenteil: „Unsere Auftragsbücher sind voll“, sagt Wolfgang Gastel, Inhaber von Gastel Fensterbau und stellvertretender Vorsitzender des GFF BW. „Im zweiten Quartal ist der Ansturm wie eine Sintflut über unsere Mitgliedsbetriebe hereingebrochen.“ Während viele Industrieunternehmen ihre Großaufträge angesichts großer Unsicherheiten auf Eis gelegt hätten, sei die Nachfrage im privaten Bereich enorm gestiegen. So hätten Hausbesitzer während des Lockdowns vermehrt in die Renovierung ihrer vier Wände investiert.

„Unsere Planungen für das Jahr 2020 sind heute bereits abgeschlossen“, ergänzt der Glasermeister. Bestandskunden von Gastel Fensterbau müssten aktuell mit einer Wartezeit von zwei bis drei Wochen rechnen, früher waren es wenige Tage. Neukunden könnten nur noch bei Terminausfällen bedient werden. „Viele unserer Mitgliedsbetriebe haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht“, ergänzt er. Durch die Verschiebung hin zu kleineren Privataufträgen hat laut Gastel der administrative Aufwand stark zugenommen. „Die Planungsarbeit ist enorm, man muss viel flexibler sein, z.B. was die Terminkoordination angeht“, sagt er. Um den Mehraufwand stemmen zu können, verbringe er noch mehr Zeit im Büro – und auch der Urlaub falle in diesem Jahr ins Wasser. Betrieben, die das Büromanagement bisher vernachlässigt hätten, empfiehlt er, diesen Bereich nun dringend auf den aktuellen Stand zu bringen.

Gastel geht für das Jahr 2020 von weniger Umsatz, aber unterm Strich einem Anstieg des Gewinns aus. Wie sich das kommende Jahr entwickeln werde, sei derzeit noch offen. Möglicherweise habe dann auch die Industrie ihre Zurückhaltung überwunden. „Durch die steigende Nachfrage könnten wir endlich reelle Preise fordern“, appelliert er an die Betriebe. Die vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent biete aus seiner Sicht keinen Mehrwert. „Der Zeitraum von einem halben Jahr ist zu kurz“, sagt er. „Wenn der Kunde jetzt den Auftrag erteilt und die Montage erst Anfang 2021 erfolgt, hat er nichts davon.“

Offen für Nischenmärkte

Auch bei der Glaserinnung in Niedersachsen ist die Stimmung positiv. „Unsere Mitgliedsbetriebe sind zufrieden, die Auftragslage ist gut“, versichert Geschäftsführer Roger Möhle. „Viele haben ihre Nische, z.B. mit der Montage von Corona-Schutzwänden, gefunden.“ Dank der erhöhten Investitionsbereitschaft von Privatkunden sei die Nachfrage nach Glas-Vordächern oder neuen Haustüren gestiegen. Und auch im Innenausbau, z.B. bei Ganzglasduschen, Geländern oder Design-Rückwänden, spürten niedersächsische Betriebe eine erhöhte Nachfrage.