Gastkommentar von Dr. Frank Walter Die Biberbeauftragte – oder: Der Wahnsinn mit der Bürokratie

Der deutsche Mittelstand steht unter Druck. Warum eine Biberbeauftragte Sinnbild für ein viel größeres Problem ist, zeigt Dr. Frank Walter, Geschäftsführer von Walter Fenster und Türen in Kassel, in seinem Gastkommentar auf.

Dr. Frank Walter, Geschäftsführer von Walter Fenster und Türen in Kassel. - © Walter Fenster und Türen

Gerade durfte ich meine persönliche Giftliste bürokratischer Hemmnisse um das Schornsteinfeger-Handwerksgesetz (kurz SchfHwG) erweitern. Kannte ich bisher nicht, lerne ich aber nun durch eine sogenannte anlassbezogene Prüfung kennen. Es bleibt spannend – unter anderem beim Bürokratieabbau.

China, Südkorea, Ungarn: Der Druck wächst

Nach der bremsenden Einleitung aber zur Sache wirtschaftlicher Perspektiven: China überholt uns links und rechts in Sachen E-Mobilität. Die Batterien kommen aus dem Reich der Mitte, die Entwicklung ist rasant. Die ersten E-Lkws aus China fahren auf deutschen Autobahnen.

Weitere Spotlights: Forscher und Unternehmer aus Südkorea durchforsten deutsche Unis und Forschungsvorhaben nach Chancen aus hier stockenden oder abgelegten Projekten – gerade erlebt zum Thema Innovationen um Glas und Fenster.

Die Kosten für Fahrzeugproduktionen in Ungarn liegen (Quelle F.A.Z.) für Löhne, Logistik, Infrastruktur und Energie um rund 70% unter denen in Deutschland. Das Thema Steuerlast ist hier sogar noch außen vor. Insgesamt verdeutlicht diese Zahl den eingeschlagenen Kurs, der schwer zurückzudrehen ist.

Entfesselung bleibt im Elfenbeinturm stecken

Die geforderte Entfesselung der deutschen Wirtschaft – und seiner wichtigsten Akteure, den Menschen, die die Arbeit gestalten und durchführen! – findet derzeit weiter im Elfenbeinturm von Politik und beratenden Wirtschaftsweisen statt. Sie kommt nicht auf dem Fundament des handwerklichen Mittelstandes an. Es darf dauern, ja! Aber es muss auch Licht am Ende des Tunnels erscheinen. Die Begehrlichkeiten nach seltsamen Politikmodellen als trotzige Handlung bei Wahlen nehmen sonst noch weiter zu und der Liberalismus ab. Wir verwechseln zunehmend Emotionen mit Argumenten. Das behindert Entwicklungen und befördert ungewollte Reaktionen.

Arbeitszeit allein löst das Problem nicht

Auch keine finale Lösung sind die Vorstöße aus der Automobilindustrie, Wochenarbeitszeiten ohne Lohnausgleich heraufzusetzen von den gewerkschaftlich erkämpften 35 auf die gewünschten 40 Stunden. Das passt nun auch nicht mehr als Druckmittel in die Welt von Idealvorstellungen der Work-Life-Balance von jüngeren Mitarbeitern. Allerdings müssen die Lohnkosten und das Leistungsniveau gekoppelt und angepasst werden, wenn man im internationalen Vergleich noch mitspielen will. Neue Koordinaten werden übergangen: dafür benötigen Unternehmen und Mitarbeiter aber Anreize. Die Qualitätsunterschiede der Produkte dürften weiter sinken in den kommenden Jahren zwischen Fernost und Europa – der Wettbewerb wird noch härter. Übrigens arbeiten viele Handwerker rund um den Bau sowieso mehr und flexibler als in dieser Arbeitszeitdiskussion, die kommen musste, wenn es klemmt.

Auch Bauelemente stehen im globalen Wettbewerb

Warum strapaziere ich diese einzelnen Beispiele? Nicht nur Automobile kann man in Ländern mit aktiveren Strukturen bauen, sondern auch immer mehr Bauelemente. IT und KI machen die Wege kurz.

Leben wir in einer Blase und verharren in alten Strukturen, bequemen Verhaltensweisen? Rutschen wir unbemerkt weiter in die Durchschnittsfalle? Man kann wunderbar philosophieren über Schnittmengen aus Wirtschaft, Politik und Soziologie. Das Fenster aufreißen und neue Horizonte sehen, ist vermutlich ein zu schönes idealistisches Bild.

Mehr Vertrauen statt dritte Kommastelle

Ein Fazit: Wir leisten uns in Deutschland viel zu viel Eitelkeiten, Barrieren, Überprüfungen, erzieherische Lehrhaftigkeit, auch Leerlauf. Die Mentalität, die dritte Kommastelle zu hinterfragen, kostet Kraft, Zeit und Geld. Mehr gegenseitiges Vertrauen birgt Chancen. Das Thema kostengünstiges Bauen ist ein wunderbares Beispiel, wie wir verlieren, statt zu gewinnen. Entscheidungsträgheit, vielleicht auch bremsende Besserwisserei und das Fehlen pragmatischer Lösungen und Entscheidungen singen da ein besonderes Lied. Wir füttern das Monster selbst.

Da kann man übrigens hinschauen, wo man will: Naturschutz und Nachhaltigkeit sind wichtig und Zukunftsaufgaben. Keine Frage. Aber die Hinterfragung der Balance insgesamt, der Sinnhaftigkeit und auch der Kosten darf erlaubt sein. So durfte ich unter der Rubrik Entbürokratisierung auch lernen: Beim Regierungspräsidium Kassel leistet man sich für den Naturschutz eine spezielle Biberbeauftragte.