Chronik der Illerplastic-Insolvenz Gugelfuss übernimmt Fensterbau, Kunstoffprofile weiter in Familienhand, Glas- und Metallbau ohne Käufer

Das Jahr 2020 hatte die Illerplastic Firmengruppe mit den Unternehmen Illerplastic Fensterbau, Glas- und Metallbau Illertissen sowie Illerplastic Kunststoffprofile mit einem Gesamtumsatz von 29,2 Millionen Euro abgeschlossenen. Das neue Jahr begann dann für die 224 Mitarbeiter mit einer Schreckens­nachricht: Die Unternehmensgruppe stellte am 27. Januar 2021 Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Verlustreiche Jahre im Fensterbau

Aufgrund mehrerer verlustreicher Jahre bei Illerplastic Fensterbau, dem größten Unternehmen in der Firmengruppe, war es laut der mit dem Verfahren betrauten Kanzlei dmp solutions zu einer Liquiditätskrise gekommen, die sich aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie verschärfte.

Obwohl die von der Geschäftsführung und den eingesetzten Sanierungsberatern eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen deutliche Wirkungen zeigten, bestand weiterer Kapitalbedarf, um die beschlossenen Maßnahmen umzusetzen. Monatelang geführte Gespräche zwischen der Eigentümerfamilie und den Finanzierungspartnern über die Neuaufstellung der gruppenweiten Unternehmensfinanzierung scheiterten. Die weiteren Unternehmen der Firmengruppe wirtschafteten teilweise besser, waren aufgrund der Finanzierungsverflechtung der Gruppe aber ebenfalls von der Insolvenz betroffen.

Verhandlungen mit mehreren Investoren

Wie dmp mitteilt, sei im Laufe des vorläufigen Insolvenzverfahrens offensichtlich geworden, dass die eingetretene Liquiditätskrise ihren Ursprung in der schlechten Aufbau- und Ablauf­organisation des Unternehmens hatte. Diese habe zu der im Branchenvergleich äußerst schlechten Produktivität geführt.

Innerhalb kurzer Zeit setzte das Team um die Insolvenzverwalter Konrad Menz und Tobias Sorg einen Investorenprozess auf und forcierte die Restrukturierungsmaßnahmen im Unternehmen. Laut dmp hatte es Übernahmeverhandlungen mit mehreren Interessenten gegeben. Ein positives Ende fanden die Gespräche dann nur elf Wochen nach Antragsstellung durch die Übernahme des Bereichs Fensterbau durch die Gugelfuss Gruppe sowie den Erhalt des Bereichs Kunststoffprofile durch die bisherigen Eigentümer.

Hälfte der Belegschaft übernommen

Gugelfuss hat über zwei Tochterunternehmen und im Wege einer Teilbetriebsübernahme zum 16. April die entsprechenden Teile der Illerplastic Firmengruppe übernommen. Zuvor waren laut dmp jedoch erhebliche Restrukturierungsmaßnahmen durch den Insolvenzverwalter notwendig, um das entwickelte Erwerber- und Sanierungskonzept umzusetzen, insbesondere im Personalbereich.

Bereits am 1. April wurden die Mitarbeiter den Angaben zufolge in mehreren Betriebsversammlungen informiert, dass Insolvenzverwalter Tobias Sorg und sein Team sowie Gugelfuss mit Hochdruck an einem Erwerberkonzept arbeiten. Am 13. April erfuhren die Mitarbeiter, wie es für sie weitergeht. „Gemeinsam mit dem Erwerber haben wir bis zuletzt an dem Sanierungskonzept gefeilt und auch um den Erhalt jedes einzelnen Arbeitsplatzes gerungen“, sagt Insolvenzverwalter Tobias Sorg. „Obwohl wir deutlich mehr Arbeitsplätze erhalten konnten, als zu erwarten war, mussten wir leider zirka der Hälfte der Belegschaft kündigen, um ein nachhaltiges und belastbares Zukunftskonzept darstellen zu können.“

Gugelfuss mit starker sozialer Ader

Für eine Insolvenz außergewöhnlich ist laut Sorg die Tatsache, dass die Kündigungen mit einem nach Betriebszugehörigkeit abhängigen Abfindungsangebot verbunden waren. Einen Teil des Kaufpreises habe der Erwerber explizit für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. „Auch wenn es der Familie Gugelfuß nicht möglich war, allen Arbeitnehmern einen Arbeitsplatz anzubieten, so war von Anfang an Teil der Verhandlung, dass soziale Härten über eine Abfindung abgemildert werden“, betont Sorg. „Dieses Verhalten eines Erwerbers ist nicht selbstverständlich und verdient großen Respekt.“

Top-Lösung für den Bereich PVC-Profile

Die Mitarbeiter von Illerplastic Kunststoffprofile hatte Insolvenzverwalter Konrad Menz bereits am 1. April darüber informieren können, dass der Geschäftsbetrieb uneingeschränkt weiterläuft und sämtliche Arbeitsplätze erhalten bleiben. AOS Kunststofftechnik, ein Unternehmen der bisherigen Eigentümerfamilie Oßwald, hat den Geschäftsbetrieb übernommen, der in der Vergangenheit stets schwarze Zahlen geschrieben habe und nur aufgrund der Finanzierungsverflechtung in die Insolvenz geraten sei.

„Wir sind froh, für den Bereich Kunststoffprofile, der in der Vergangenheit stets solide gewirtschaftet hat, eine so schnelle und gute Lösung ermöglicht zu haben“, sagt Menz. „Ich bin überzeugt, dass das Unternehmen, befreit von den finanziellen Verpflichtungen der Schwestergesellschaften, nachhaltig in der Zukunft bestehen kann.“

Glas- und Metallbau nicht fortgeführt

Für den Geschäftsbetrieb von Glas- und Metallbau Illertissen war indes kein Interessent zu finden. Mangels eines eigenen Vertriebs und dadurch fehlender Aufträge war laut dmp eine Fortführung im Rahmen des Insolvenzverfahrens nicht möglich. Die zirka 25 Mitarbeiter wurden Anfang April über die negative Prognose informiert und gekündigt.

Für die gekündigten Mitarbeiter der Illerplastic Firmengruppe fanden am 14. April in Illertissen Informationsgespräche mit der Bundesagentur für Arbeit statt. „Wir haben viele Anfragen von Unternehmen aus der Umgebung vorliegen, die dringend Fachkräfte suchen“, sagte Sorg im Anschluss an den Termin. „Auch wenn wir nicht für jeden Betriebsteil der Firmengruppe einen Übernehmer finden konnten, so bin ich überzeugt, dass der größte Teil der Arbeitnehmer sehr schnell eine neue Arbeitsstelle finden wird.“