Nur Energiesparen reicht nicht mehr: Martin Meyer, glastechnischer Berater Nord bei Semcoglas, fordert ein radikales Umdenken in der Glasbranche. Statt sich weiter am U-Wert festzubeißen, müsse die Industrie endlich das volle Potenzial ihrer Hightech-Produkte kommunizieren – von Schallschutz über Sicherheit bis hin zu Klimakomfort und Design. Denn modernes Glas könne weit mehr, als nur Wärme drinnen zu halten.
Die Geschichte der modernen Wärmeschutzverglasung ist eine Erfolgsgeschichte, geboren aus der Not. Die Ölkrise der 1970er Jahre, autofreie Sonntage und die daraus resultierenden Verordnungen waren die Katalysatoren für Innovationen, die den damaligen K–Wert bzw. heutigen U-Wert in den Fokus rückten. Wir haben gelernt, Wärme drinnen zu halten. Gut gemacht, Glasindustrie.
Aber mal ehrlich: Reicht das heute noch?
In einer Zeit, in der der Klimawandel Hitzewellen nach Norddeutschland bringt, Lärmbelastung in urbanen Räumen zunimmt und Sicherheit ein Grundbedürfnis ist, ist die ausschließliche Fixierung auf den U-Wert ein Armutszeugnis für eine so innovative Branche. Unser modernes Glas kann mehr. Viel mehr. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, nur Energiebilanzen zu optimieren, und endlich anfangen, Lebensqualität zu verkaufen.
Die heutigen Produkte sind hochkomplexe High-Tech-Bauelemente. Sie bieten Lösungen für Probleme, die weit über die Heizkostenrechnung hinausgehen:
- Schallschutz statt Dauerlärm: Wer in der Stadt wohnt, weiß, dass Lärm krank macht. Modernes Schallschutzglas kann den Unterschied zwischen Schlafstörung und Erholung ausmachen. Eine Investition, die sich in Lebensqualität auszahlt.
- Aktive und passive Sicherheit: Ob Einbruchschutz durch Verbundsicherheitsglas (VSG) oder der Schutz vor Verletzungen durch splitterbindende Folien – Glas schützt aktiv Leben und Eigentum.
- Sommerlicher Wärmeschutz und Klimawandel: Die Zeiten, in denen wir nur den Winter fürchteten, sind vorbei. Intelligente Sonnenschutzgläser managen den Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert) und verringern das Überhitzen von Räumen.
- Vogelschutz und Design: Moderne Architektur liebt Glas, Vögel hassen es oft. Innovatives Vogelschutzglas mit speziellen Mustern machen Fassaden sichtbar für Vögel, ohne das Design zu beeinträchtigen. Ästhetik trifft Ökologie.
Das Kommunikationsdilemma: Vom Fachchinesisch zum Endkunden
Die Technologie ist da, aber die Botschaft kommt nicht an. Wir, die Glasindustrie, müssen uns fragen, warum der Endverbraucher beim Thema Fensterglas immer noch primär an "Wärmeisolierung" denkt. Das Problem liegt oft in unserer eigenen Fachsprache. U-Wert, g-Wert, dB-Wert – das sind Kennzahlen für Planer und Architekten, nicht für den durchschnittlichen Hausbesitzer.
Der glastechnische Berater muss mehr sein als ein Verkäufer. Er muss ein Problemlöser sein, der die individuellen Bedürfnisse des Kunden in den Mittelpunkt stellt. Lärm an der Hauptstraße? Sicherheit im Erdgeschoss? Hitzestau im Wintergarten? Wir haben die Lösung im Glasaufbau – die Möglichkeiten sind durch den vielfältigen Einsatz von modernen Multifunktionsisoliergläsern schier grenzenlos.
Die Energiekrise hat uns gelehrt, dass wir effizient bauen müssen. Der Klimawandel und die gestiegenen Anforderungen an modernes Wohnen lehren uns, dass wir intelligent bauen müssen. Es ist Zeit, dass die Glasindustrie selbstbewusst auftritt und dieses besser bis nach unten kommuniziert.
Unser Glas kann mehr
Semcoglas und die gesamte Branche haben die Produkte, um die Lebensqualität der Menschen signifikant zu verbessern. Jetzt müssen wir nur noch anfangen, darüber zu reden.
Der Fensterbauer agiert oft nach Schema F, weil es der einfachste und schnellste Weg ist einen Auftrag zu generieren. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) ist ein Mindeststandard, keine Komfort-Obergrenze. Doch in der Praxis erleben wir oft eine fatale Vereinfachung: Ist der Fensterauftrag erst einmal sicher, reduziert sich die Glasberatung auf die lapidare Aussage: "Ach ja, GEG-konform – da reichen 3 x 4 Millimeter mit Ug 0,7W/qm/K. Passt."
Dieser Ansatz ist nicht nur technisch kurzsichtig, er ist ein verpasstes Geschäft und eine vertane Chance, den Kunden glücklich zu machen. Der Fensterbauer, der sich hinter dem "Mindeststandard" verschanzt, ignoriert die Realität des Endkunden. Der Bauherr möchte nicht einfach nur eine Norm erfüllen, er möchte ruhig schlafen, im Sommer nicht schwitzen und sich sicher fühlen. Das sind emotionale Bedürfnisse, die wir mit technischen Lösungen bedienen können.
Die Glasindustrie und der Fensterbau sitzen im selben Boot. Die Kommunikation muss sich grundlegend ändern. Statt dem Kunden technische Datenblätter um die Ohren zu hauen, müssen wir die spezifischen Einzelbedürfnisse erkennen und ansprechen.
Ja, Sondergläser kosten mehr. Aber dieser Mehrpreis muss als Investition in Lebensqualität, Sicherheit und Komfort positioniert werden, nicht als unnötiger Luxus. Die Glasindustrie muss gemeinsam mit dem Fensterbauer besser performen. Man muss hier Argumentationshilfen geben, die es ihm leicht machen, den Mehrwert zu erklären.
Es ist an der Zeit, dass wir den "U-Wert-Tunnelblick" überwinden. Ein Fenster ist nur so gut wie sein Glasaufbau. Wenn wir gemeinsam die Bedürfnisse der Bauherrengemeinschaft gezielter "herauskitzeln", gewinnen alle: der Kunde an Komfort, der Fensterbauer und wir an Reputation und Umsatz.
Ihre Meinung ist gefragt!
Wie sehen Sie das – müssen die Glasindustrie und auch die Fensterbaubetriebe ihre Kommunikation anpassen, um das volle Potenzial ihrer Hightech-Produkte bei den Endkunden mehr zur Geltung zu bringen?
Schreiben Sie uns Ihre Einschätzung! wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen an kontakt@gff-magazin.de.
