Themenabend in München Um- statt Neubau: Wie gelingt die Bestandstransformation?

Bei einem Themenabend von Hueck und Wicona in der Münchner Design Werkschau haben drei Architekten ihre Erfahrungen bei der Umgestaltung von Bestandsgebäuden vorgestellt. Im Anschluss vertiefte eine Podiumsdiskussion sowie eine Frage-Antwort-Runde mit dem Publikum einzelne Fragestellungen. Rund 150 Gäste erlebten einen informativen Abend. Mehr dazu hier.

Christian Eichinger von KSP Engel stellte das Umbauvorhaben Parkview 160 in Frankfurt/Main vor, bei dem die Geschossfläche zweier Bürohochhäuser aus den 70er Jahren in Wohnraum sowie Räumlichkeiten für ein Hotel umgestaltet wurde. - © Dirks

Rupert Blank von Hueck begrüßte die Gäste aus Architektur, Planung und Metallbau und stimmte Sie auf den Abendtermin ein. Er stellte einen Schablonen-Satz zur präzisen Bestandsaufnahme von Blendrahmen in Bestandsgebäuden vor.

Fenstersanierung: Wicona-Schablone zur präzisen Bestandsaufnahme vorgestellt

Neben Bautiefe und Baujahr zeigen die Schablonen die Baureihe sowie dessen Hersteller. Neben Wicona umfasst der Schablonensatz auch Profile von Herstellern, die nicht zum Hydro-Konzern gehören. "Mit der Schablone liegt der Schlüssel vor für die wirtschaftliche Fenstersanierung: einfach indentifiziert, sicher geplant", heißt es in der Broschüre 'Das Sanierungsfenster', die Wicona speziell für den Fenstertausch im Bestand erstellt hat.

Während der alte Fensterflügel ausgetauscht wird gegen einen eigens konzipierten Sanierungsflügel, wird der alte Blendrahmen modernisiert und weiterverwendet.

"Das Bestandsgebäude ist der zweite Bauherr."

Druckfrisch: Wicona hat für Metallbauer die Broschüre 'Das Sanierungsfenster' konzipiert. - © Dirks

Hueck und Wicona stellten mit der Veranstaltung u.a. diese Fragen zur Diskussion: Was passiert, wenn wir nicht neu bauen, sondern mit dem arbeiten, was bereits vorhanden ist? Welche Chancen entstehen, wo liegen Stolpersteine?

Zum Auftakt berichtete Werner Frosch von Henning Larsen von seinen Erfahrungen beim Umbau eines Gebäudes aus dem späten 19. Jahrhundert in Kopenhagen. "Eines der wichtigsten Learning für uns war: erst müssen die Mieter ausgezogen sein, erst dann kann die Planung beginnen", sagte Frosch. De facto habe man als Architekten das Bauvorhaben doppelt geplant. Einmal zu Beginn des Projekts, und ein weiteres Mal nach dem Auszug der Mieter.

Erst als die Entkernung der Innenräume begann und die Strukturen sichtbar, sei die Historie des Gebäudes zutage getreten. Daraus habe man die Lehre gezogen, dass der Bestandsbau der zweite Bauherr sei. "Der sagt, was geht und was nicht." Diese Maxime bzw. das Bewusstsein dafür sei die Erkenntnis aus dem Projekt gewesen, sagte Frosch.

Einen leeren Büroturm umwandeln – wie geht das?

Werner Frosch von Henning Larsen stellte zu Beginn seines Vortrags ein paar Eckdaten des internationalen Architekturbüros vor. - © Dirks

Christian Eichinger von KSP Engel sprach über das Projekt Parkview 160 in Frankfurt am Main. Im Auftrag des Bauherren bauten die Architekten zwei benachbarte Bürohochhäuser aus den 70er Jahren um mit dem Ziel, Wohnraum sowie Räumlichkeiten für ein Hotel zu schaffen. Ein Gebäude wird künftig komplett als Hotel genutzt, das zweite Gebäude wird als Wohnraum dienen. Ab den 2000er Jahren habe der Eigentümer bzw. der Betreiber der beiden Gebäude keine Mieter mehr gefunden für die Büroflächen. Grund sei die Lage am Rande der Frankfurter Innenstadt gewesen. "Das ist ein gute Wohnlage, aber keine gute Bürolage", sagte Eichinger.

Um den individuellen Zugang zu den Wohnräumen zu ermöglichen, entwickelten die Planer eine Schicht, die vor die Bestandskubatur des Gebäudes gelegt wurde.

Ähnlich wie bei dem zuerst vorgestellten Projekt in Kopenhagen seien auch in Frankfurt mit Beginn der Entkernung Herausforderungen zutage getreten. So stellte sich u.a. heraus, dass die Geschossplatten nicht ganz gerade waren bzw. Toleranzen aufwiesen. Eichinger wies in diesem Zusammenhang auf die Chancen und Herausforderungen für Planer und Architekten hin. Zwar ließen sich mit digitalen Methoden Bestandsgebäude erfassen und vermessen. Dabei entstünden aber große Datenmengen, die vom Menschen verstanden und zielgerichtet verwendet werden müssten.

Das Projekt läuft bereits seit einigen Jahren, jetzt steht die Fertigstellung an. Eichinger wies darauf hin, dass KSP Engel 1994 erstmals ein Transformationsprojekt realisiert habe. Mittlerweile seien rund 40 Umbauvorhaben umgesetzt worden.

The Verse in München: Transformation eines Stadtblocks

Patrick Holl von Herzog & de Meuron präsentierte das Projekt The Verse in München. Das international tätige Büro setzte u.a. den Umbau der Fünf Höfe in der Münchner Innenstadt um, berichtete Holl.  

The Verse umfasst einen ganzen Stadtblock in der bayerischen Landeshauptstadt, die Fertigstellung ist für 2028 geplant. Herzog & de Meuron betrachtet Bestandsgebäude als Summe gebundener, grauer Energie. Rein rechnerisch entsprechen laut Holl 30 Jahre Betriebsenergie der in der Baumasse gebundenen Energie. "Die alte Struktur ist ‚das Regal‘ für das Neu", sagte Holl. Im Erdgeschoss entsteht nach Plänen des Büros eine Passage mit Ladenflächen. Der Innenhof des Bestandsgebäudes wird öffentlich zugänglich und dient künftig als begrünter Aufenthaltsbereich.  

Speziell der Feinabbruch sowie der Neubau identifizierte Holl als Schnittstellen und kritisch für das Management eines Umbauprojekts.

Als Beispiel nannte Holl das Betonschneiden der Geschossdecken und -wände: Zeitaufwand und Lärm müssten entsprechend geplant werden und die Belastungen für die Nachbarn infolge der Arbeiten berücksichtigt werden.

Das Bauvorhaben habe vor rund fünf Monaten den Kipppunkt zwischen Rück- und Neubau erreicht, so Holl. "Jetzt gießen wir Beton in den Neubau." Er verglich Transformationsprojekte mit einer MRT-Untersuchung im Gesundheitsweisen: Die Beteiligten müssen sich Schicht für Schicht des Patientenkörpers bzw. des Baukörpers anschauen. Wie zuvor Frosch und Eichinger, betonte auch Holl die Notwendigkeit, dass alle Beteiligten in Transformationsprojekten bereit sein müssen, gegebenenfalls mit ungeplantem Mehraufwand umzugehen. Mit anderen Worten: alle Beteiligten müssen bereit sein, eine Extrameile zu gehen, um Hindernisse zu überwinden und letztlich das Projekt umzusetzen.

Podiumsdiskussion thematisiert Chancen und Herausforderungen

Diskussion: Nach den Vorträgen vertiefte Moderator Christian Mettlach (re.) von Wicona im Gespräch mit den Referenten einzelne Aspekte des Themas 'Um- statt Neubau - wie gelingt die Bestandstransformation?'. Von links: Christian Eichinger, Patrick Holl und Werner Frosch. - © Dirks

Bei einer Podiumsdiskussion mit Moderator Christian Mettlach von Wicona gaben die drei Referenten Empfehlungen für künftige Bauprojekte weiter an die rund 150 Gäste in der Design Werkschau und sprachen über mögliche Hindernisse bei Transformationsprojekten. Werner Frosch riet den Zuhörern zu einem offenen Dialog mit dem Auftraggeber. Christian Eichinger wies auf bauliche Gegebenheiten infolge zeitgenössischer Standards in der Vergangenheit hin."Oft ist die niedrige Deckenhöhe in Bestandsgebäuden ein Problem, ebenso die Stärke der Geschossdecken." Man könne als Planer bzw. Architekten zwar Annahmen treffen, aber man dürfe sie nicht gleichsetzen mit Garantien. Hinter jeder Wand kann was neues kommen", sagte Eichinger.

Mit Blick auf das Potenzial im Gebäudebestand für Umbauten bzw. Transformationen von Büro- in Wohnflächen sagte Werner Forsch, die Zukunft werde zeigen, wie viel Fläche sind umwandeln lasse. Christian Eichinger zufolge sei das Potenzial durchaus vorhanden, zugleich gebe es aber regulatorische Hürden.

Patrick Holl wies darauf hin, dass es ein Umdenken brauche. Er wies auf ein Projekt in Hannover hin, wo ein Investor ein ehemaliges Kaufhaus in der Innenstadt von Herzog & de Meuron umbauen lasse für eine neue Nutzung als Schule sowie als Wohnfläche. "So füllt man eine Innenstadt für 24 Stunden mit Leben. Das brauchen wir." Der Auftraggeber sei ein erfolgreicher Start-up-Gründer, kein Projektentwickler aus der Immobilienwirtschaft, sagte Holl.

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