Raoul Nossek ist seit März 2026 Hauptgeschäftsführer des Bundesinnungsverbands des Glaserhandwerks (BIV). Der Glasbautechniker tritt ein schwieriges Erbe an: veraltete Strukturen, fehlende Kommunikation, ausgetretene Landesverbände. Im Gespräch mit der GFF erläutert er, wie er den Verband modernisieren will und warum der Dialog mit allen Branchenakteuren wichtig ist.

GFF: Herr Nossek, Sie sind seit dem 1. März 2026 Hauptgeschäftsführer des BIV. Wie verlief die Einarbeitung?
Raoul Nossek: Es gab keine offizielle Übergabe durch meinen Vorgänger. Dementsprechend musste ich vieles aufarbeiten und mir den nötigen Wissensstand selbst aneignen. Ich habe Archive durchforstet und die Jubiläumsbücher zum 100- und 120-jährigen Bestehen des BIV gelesen, um die Historie kennenzulernen.
Parallel habe ich mir die Buchhaltung der vergangenen Jahre angeschaut – 30 Papierordner allein für 2025. Ich wollte eine Kosten-Nutzen-Analyse machen: Welche Verträge laufen und welche Büroausstattung benötigen wir? Die fehlende Übergabe hat aber auch einen Vorteil: Ich kann unvoreingenommen an meine neuen Aufgaben herangehen und fragen: Was macht Sinn und was nicht?
Was hat Sie motiviert, sich auf die Stelle zu bewerben?
Mein Werdegang ist etwas ungewöhnlich: Ich habe ein Lehramtsstudium für Berufsbildende Schulen mit Schwerpunkt Bautechnik begonnen. Dafür hätte ich entweder ein Jahrespraktikum oder eine Berufsausbildung benötigt. Ich entschied mich für eine Ausbildung zum Glaser – und verliebte mich in diesen Beruf. Anschließend habe ich eine Weiterbildung zum Glasbautechniker absolviert und war im Projektmanagement für Großprojekte wie dem Hochhausensemble Four in Frankfurt tätig. Um mich weiterzuentwickeln, wechselte ich später zum Generalunternehmer und habe dort als Bauleiter gemerkt: Das Glaserhandwerk ist stark unterrepräsentiert. In Leistungsverzeichnissen taucht es oft nur als Teilbereich in den Gewerken Sanitär-, Heizung- und Klima oder Metallbau auf.
Über die Jungglaser erfuhr ich dann, dass der BIV einen neuen Hauptgeschäftsführer sucht. Auf dem Weg zum Baustoffhandel bin ich zufällig in Hadamar vorbeigefahren und habe spontan an der Geschäftsstelle Halt gemacht. Später habe ich mich offiziell dort beworben. Nach mehreren Bewerbungsrunden wurde ich im November 2025 von den Delegierten bestätigt.
Wie fällt Ihr Rückblick nach fünf Monaten aus?
Die Tätigkeit gefällt mir. Es ist viel Arbeit, mit der ich teilweise nicht gerechnet habe. Zum Beispiel hätte ich nicht gedacht, dass ich in der heutigen Zeit noch eine Arbeitsstelle mit einer so veralteten EDV vorfinde. Aber die Digitalisierung läuft jetzt im Hintergrund und wird spätestens im kommenden Jahr Wirkung zeigen. Und ich bin optimistisch. Mein Ziel ist es, den BIV aufzubauen und voranzubringen.
Welche Themen haben für Sie aktuell Priorität?
Drei Schwerpunkte beschäftigen mich derzeit: erstens die Neustrukturierung des Verbands, um uns schlanker, effizienter und moderner aufzustellen. Zweitens die Vorbereitungen zur glasstec im Oktober und drittens das Netzwerken mit der gesamten Branche: ob Landesinnungsverbände, Bundesverband Flachglas oder Fahrzeugglaser – ich möchte mich überall mal kurz vorstellen und hallo sagen.