Tragfähigkeit der Befestiger Wenn die Wand einstürzt, nützen auch die hochwasserdichten Fenster nichts mehr

Kurios, unglaublich, noch nie da gewesen – oder einfach der alltägliche Wahnsinn: GFF hat drei Sachverständige und einen Baudiagnostiker gefragt, was sie in der Praxis erleben. Lesen Sie in unserer Sommerausgabe die Geschichten von Dr. Jürgen Küenzlen, Jürgen Sieber, Marc Schütt und Alexander Dupp. Hier ein Teaser

Sulzbacher Straße 3 in Backnang: Bei steigendem Flusspegel strömt durch die tief liegenden Kellerfenster Wasser ins Gebäude. Nur hochwasserdichte Fenster einzubauen, ist zu kurz gedacht – und gefährlich für die Standsicherheit des Gebäudes. - © Küenzlen

Dr. Jürgen Küenzlen ist Befestigungsexperte, zertifizierter Baudiagnostiker und arbeitet als Projektleiter im Bereich Dübeltechnik bei Würth in Künzelsau. Seine Heimat ist das Murrtal – und dort spielte sich jüngst eine Geschichte ab, die zeigt, warum die Befestigung eines Fensters – auch wenn diese allein noch so perfekt ausgeführt wird – im Extremfall zum Einsturz eines kompletten Hauses führen kann.

Darum geht es: Als Privatperson wurde Küenzlen darauf aufmerksam, dass die Stadt Backnang – im Rahmen des innerstädtischen Hochwasserschutzes – das historische Gebäude an der Sulzbacher Straße 3 mit hochwasserdichten Fenstern ausstatten möchte.

Wichtige Unterlagen liegen nicht vor

Von Berufs wegen war dem Befestigungsexperten klar, dass diese Fenstermontage ins Auge gehen könnte. Mit seinen Bedenken wandte er sich an einen gut vernetzten Freund, Prof. Andreas Brunold, der wiederum Kontakt mit dem Gebäudeeigentümer aufnahm und im weiteren Verlauf von diesem die Vollmacht erhielt, die Stadtverwaltung um Unterlagen zum geplanten Fenstertausch zu bitten.

Konkret ging es um Nachweise zur geplanten Befestigung der Fenster, um Unterlagen zu Versuchen am Bauwerk – zum Nachweis der Tragfähigkeit der Befestiger im Wandbaustoff – sowie um Unterlagen zur Standsicherheit der Wand selbst bei Einleitung der Lasten aus den Fenstern.

Nachdem die Stadt die Unterlagen nicht vorlegen konnte, untersagten Brunold und seine Mitstreiter die Fenstermontage. Erst nach langem Hin und Her gab die Stadtverwaltung ein Gutachten zur Standsicherheit des Gebäudes in Auftrag.

Seit wenigen Monaten liegt die Einschätzung des Gutachters vor – und die bestätigt Küenzlens schlimmste Vorahnung: "Wären die Fenster montiert worden, wäre die gesamte Standsicherheit des Gebäudes gefährdet gewesen. Das Gebäude wäre vermutlich bei einem Jahrhunderthochwasser eingestürzt und damit ein ganzer Stadtteil überflutet worden", sagt Küenzlen.

Warum die Standsicherheit gefährdet gewesen wäre und weitere kuriose Schadensfälle lesen Sie in GFF 7-8, die Ausgabe erscheint am 11. Juli.