TMP Fenster + Türen lud 80 Unternehmer zum Praxisabend und berichtete offen über eigene Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz. Die Ergebnisse aus zwei Jahren Anwendung zeigen, welches Potenzial KI für mittelständische Betriebe haben kann.
Während die Fenster- und Türenbranche den digitalen Wandel vielerorts noch debattiert, hat TMP Fenster + Türen mit Sitz in Bad Langensalza längst Fakten geschaffen. Wie genau, zeigte der Hersteller – nach eigener Einordnung einer der zehn größten Fensterproduzenten Deutschlands – jüngst bei einem Praxisabend.
TMP öffnete seinen Konferenzraum für zirka 80 Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte aus dem Unstrut-Hainich-Kreis. Gemeinsam mit dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) Nordthüringen hatte der Hersteller zudem den KI-Experten Florian Arndt eingeladen. Keine hundert Meter entfernt lief die Spätschicht – Fenster und Türen in Serienproduktion.
Tobias Kern: Innovationsführerschaft als Führungsprinzip
Den Praxisbericht des Abends lieferte TMP-Geschäftsführer Tobias Kern. Er steht für eine Kultur, die technologische Entwicklung als Führungsaufgabe versteht. In den vergangenen Jahren habe TMP konsequent in Digitalisierung und Innovation investiert: von digitalen Kundenserviceplattformen über die Technologie WindowConnect, die im Jahr 2024 mit dem Marketing Award des Verbands Fenster + Fassade (VFF) ausgezeichnet wurde, bis zur EPD-Zertifizierung als nach eigenen Angaben erster Fensterhersteller in Deutschland.
Der Einstieg in KI-gestützte Prozesse sei für Kern kein Experiment, sondern der nächste logische Schritt einer innovationsgetriebenen Unternehmensstrategie gewesen. Konkret berichtete er, wie TMP vor zirka zwei Jahren damit begann, KI-Systeme in die operative Auftragsabwicklung einzubinden. In der Spitze verarbeite das Unternehmen mehr als 750 Bestellvorgänge pro Monat. Auftragsbestätigungen und Lieferscheine prüfe heute eine KI vollautomatisch, Abweichungen meldeten die Systeme direkt an die Lieferanten zurück.
Die Bedeutung dieser Lösung erklärt sich laut Kern aus der Produktionslogik des Unternehmens: Zugelieferte Komponenten verbaut TMP teils noch am selben Tag. Fehler in der Lieferkette schlagen sich unmittelbar in der Fertigung nieder. Die KI-gestützte Einkaufslogistik habe die Produktionssicherheit messbar verbessert und ungeplante Stillstände deutlich reduziert. Freigesetzte personelle Kapazitäten flössen in Bereiche, in denen Fachwissen und Erfahrung nicht automatisierbar seien.
Florian Arndt: 20 KI-Anwendungen für den Mittelstand
Als Gastredner gewann TMP gemeinsam mit dem BVMW Nordthüringen Florian Arndt – Unternehmer mit Sitz in Mühlhausen, nach Angaben der Veranstalter einer der meistzitierten KI-Praktiker im deutschen Mittelstand und ehemaliger Berater des Bundeskanzleramts. Arndt präsentierte exakt 20 KI-Anwendungen, die er selbst im Einsatz hat und auf die Anforderungen mittelständischer Betriebe zugeschnitten habe – aus den Bereichen Marketing, Vertrieb, Organisation und Unternehmensführung.
Sein eigenes Unternehmen lieferte die markantesten Zahlen: 80 Prozent der eingehenden E-Mails beantworte heute eine KI. Die Produktionsleistung sei um 30 Prozent gestiegen, die jährlichen Kosten seien um 250.000 Euro gesunken. Vier Stellen habe das Unternehmen nicht neu besetzt. Arndt machte nach Veranstalterangaben keinen Hehl aus den Grenzen: Kreative Handarbeit, situatives Urteilsvermögen und physische Ausführung blieben menschliche Domänen. Der Hebel der KI liege im Administrativen, Repetitiven und in der Datenverarbeitung.
Moderierter Dialog statt Frontalvortrag
Thomas Hirt-Peterseim vom BVMW Nordthüringen führte durch den Abend und schuf den Rahmen für einen Austausch jenseits klassischer Informationsveranstaltungen. Mehr als ein Dutzend Fragen aus dem Publikum – darunter Handwerksbetriebe, Zulieferer und Dienstleister der Region – beantworteten die Referenten direkt und offen. Das Interesse am Thema KI im Mittelstand sei groß; was fehle, seien praxisnahe Belege. Diesen Abend habe TMP genau dafür genutzt.
Positionierung mit Signalwirkung
"Wir wollten keine Konferenz veranstalten, sondern zeigen, was möglich ist – anhand unserer eigenen Erfahrungen aus dem Einkauf", sagt Bernhard Helbing, Gesellschafter von TMP Fenster und Türen. Mit mehr als 35 Jahren Erfahrung und drei Produktionsstandorten sehe sich das Unternehmen in der Verantwortung – nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern auch für die Branche und die Region.
Für die Fenster- und Türenbranche sendet dieser Abend nach Einschätzung der Veranstalter ein klares Signal: Digitalisierung und KI seien keine Zukunftsthemen mehr, sondern Gegenwartsaufgaben. Ein Fensterhersteller aus Thüringen beweise, dass sie sich rechneten.
