Ensinger verkauft seine Abstandhaltersparte Thermix. Was das für die Branche bedeutet, wie umkämpft dieser Markt für die Warme Kante ist und wie sich die Marktdurchdringung steigern lässt, erläutert Technoform-Geschäftsführer Jens Uhlen im Interview.
GFF: Herr Uhlen, Ensinger verkauft seine Thermix-Sparte: Zum Hintergrund der Verkaufsverhandlungen äußerte sich Geschäftsführer Dr. Roland Reber: „Der Markt für Isolierglas-Abstandhalter hat seit mehreren Jahren mit Überkapazitäten zu kämpfen. In der Folge sind die erzielbaren Renditen über die gesamte Wertschöpfungskette immer weiter gesunken.“ Wie bewerten Sie den Markt für Abstandhalter, insbesondere für Warme Kante? Ist der Markt tatsächlich hart umkämpft, wie Herr Reber andeutet?
Jens Uhlen: Ich denke, hier muss man etwas stärker differenzieren und kann keine pauschale Antwort geben. Wir bei Technoform haben grundsätzlich einen globalen Blick, handeln aber lokal. Global gesehen, sind wir der Meinung, dass der Isolierglasmarkt in den vergangenen Jahren gewachsen ist, was auch weiterhin Chancen auf Wachstum für die reinen Abstandhalter generiert.
Global gesehen, gibt es immer noch viele Märkte, die erst beginnen, über thermische Trennung im Fenster nachzudenken. Hier ist es zunächst einmal wichtig, zu schauen, wie weit der Markt in seinen Anforderungen an die Performance ist. Es hilft ja nichts, hochwertige Fenster oder Fassadensysteme zu verbauen, wenn dann aber der Randanschluss einfach nicht luftdicht ist und man die Energie – sei es zur Kühlung oder zum Heizen – verliert. Hier ist viel lokale Arbeit notwendig, die Systeme im eingebauten Zustand nachhaltig zu machen.
Genauso sieht es unserer Meinung nach auch im Glasrandverbund aus: Es reicht nicht aus, zu glauben, dass man in unterschiedlichen Märkten global gesehen ohne tiefergehende Beschäftigung mit dem lokalen Markt und auch mit dem Qualifikationsstand der Isolierglasindustrie, der Kundenprozesse, der Menschen, aber auch der Materialien einen nachhaltigen Glasrandverbund schaffen kann. Mit Nachhaltigkeit oder Durability meinen wir, dass ein Produkt, in diesem Fall das System Isolierglas, die gleiche Performance über Zeit haben muss – idealerweise in Übereinstimmung mit der Lebensdauer des gesamten Fenstersystems oder vielleicht sogar des Gebäudes. Das sollte die Isolierglasbranche beschäftigen. Und zwar nicht nur unter Laborbedingungen, sondern aus der Serie heraus. Um das aber sicherzustellen, spielt es unserer Meinung nach eine entscheidende Rolle, sich mit dem gesamten Glasrandverbund zu beschäftigen und die Einzelkomponenten so aufeinander abzustimmen, dass Durability überhaupt möglich ist. Eine alleinige Betrachtung des Abstandhalters ergibt nur bedingt Sinn. Weltweit unterschiedliche klimatische Bedingungen haben ganz verschiedene Einflüsse auf die Performance von Isoliergläsern. Hier davon auszugehen, dass man dafür immer den gleichen oder gleichartigen Randverbund verwenden kann, halten wir nicht für den richtigen Ansatz.

Wir glauben grundsätzlich an eine stärkere Segmentierung des Markts (insbesondere global), wo verstärkt die Applikation des Isolierglases und die Performance über Zeit im Vordergrund stehen. Wir sehen seit Jahren den Versuch der Vereinheitlichung der Isoliergläser und Randverbünde – ein One-fits-all-Ansatz. Das kann grundsätzlich eine normale Entwicklung in einem Markt sein, der nur Commodity machen will. Dadurch entsteht aber natürlich über Zeit der Kostendruck auf alle Komponenten im Isolierglas. Gehen wir von Zentraleuropa aus, hat sich die Warme Kante sicher schon von der Nische zum Standard entwickelt. Folgt man dem Markt, führt die One-fits-all-Mentalität natürlich auch zu erhöhtem Kostendruck. Das ist grundsätzlich sehr schade, da hier technisch hochwertige Produkte über den Preis statt über ihren Wert verkauft werden. Aber wie nachhaltig ist dieser Ansatz? Wie hat sich die Qualität der Einzelkomponenten im Glasrandverbund dadurch verändert? Führt erhöhter Kostendruck zu weniger Qualität der Einzelkomponenten und damit zu Systemproblemen? Wir beschäftigen uns grundsätzlich mit Lösungen für Systeme (wie hier dem Glasrandverbund), um sicherzustellen, dass wir nachhaltige Qualität erreichen. Wir sollten gemeinsam mit der Branche darüber nachdenken, wie wir einen Mehrwert generieren können. Nur so können hochtechnische Systeme wie ein Isolierglas – und hier insbesondere der Glasrandverbund – in Zeiten globaler Klimaerwärmung nicht unter Wert am Markt platziert werden.
Zurück zur eigentlichen Frage: Bestimmte Märkte in Europa sind sicher deutlich härter umkämpft, wenn man nur auf die reinen Preise schaut. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, sich lokal klar zu positionieren und zu differenzieren. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir es uns mit unserer eigenen Preispolitik nicht selbst schwer machen. Wir sollten vielmehr eine Wert (Value)- statt einer Preisdiskussion führen. Das, was momentan bei den Abstandhalterherstellern passiert, was wir aber auch grundsätzlich in der Isolierglasbranche sehen, nämlich Konsolidierung, kann auch hausgemacht sein. Wir müssen darüber nachdenken, in welche Richtung sich die Fenster- und Isolierglasbranche bewegen sollte, und weniger nur kurzfristig über Preise diskutieren. Ich denke nämlich nicht, dass es für einen Häuslebauer schwer zu verkraften wäre, einen Euro pro Fenster mehr zu bezahlen, wenn ihn ein Fenster in Summe mehrere Hundert Euro kostet. Schließlich sollte das System mindestens 25 Jahre halten. Dazu bedarf es aber auch eines hochwertigen Glasrandverbunds mit perfekt aufeinander abgestimmten, qualitativ hochwertigen Komponenten.
Die andere Frage, die sich aus Herrn Rebers Äußerungen ergibt, betrifft die Marktdurchdringung: Bedeuten Überkapazitäten denn, dass der Markt, insbesondere in Deutschland, bereits gesättigt ist? Wo liegt hierzulande der Marktanteil für Warme Kante? Wie viele Elemente werden noch mit Kalter Kante gefertigt?
Auch hier sehen wir teilweise spannende Trends, die wieder zurückgehen auf die Kalte Kante. Dreifachverglasungen mit Aluminiumabstandhaltern ergeben eigentlich keinen Sinn. Die Kostentreiberei nimmt da lustige Züge an. Grundsätzlich gehen wir von einem Anteil an Warmer Kante von mehr als 70 Prozent aus. Auch der Anteil an Dreifachverglasung ist entsprechend hoch. Grundsätzlich müssen wir uns natürlich die Frage stellen, was es eigentlich bedeutet, über einen gesättigten Markt zu sprechen. Was kommt denn nach der Warmen Kante? Wir glauben, dass wir uns die Frage nach den richtigen Strategien und langfristigen Geschäftsmodellen stellen müssen.
Wie groß ist der Einfluss der Warmen Kante auf das Endprodukt Fenster bzw. Fassade? Wie viel Energie lässt sich sparen?
Als greifbares Beispiel sagen wir: In einer Stadt mit 200.000 Einwohnern und somit zirka 67.000 Wohnungen mit je zirka 20 Quadratmeter Fensterfläche spart man im Jahr zirka 1,4 Millionen Liter an Heizöl, wenn alle diese Wohnungen Warme Kante statt Alu verwenden.
Was muss Ihrer Meinung nach auf nationaler Ebene passieren, damit sich die Warme Kante generell durchsetzt? Wie lässt sich die Nachfrage erhöhen?
Man könnte hier zwar über das Klimapaket diskutieren und darüber, wie striktere Anforderungen die Marktdurchdringungen weiter forcieren können. Wir denken aber, dass es grundsätzlich wichtig ist, sich über thermisch optimierte Systeme Gedanken zu machen: Was ergibt es für einen Sinn, hochwertige Dreifachverglasung einzusetzen mit einem Ug-Wert von z. B. 0,7 W/m2K, wenn der Rahmen am Ende der thermische Schwachpunkt ist oder nach kurzer Zeit kein Gas mehr im SZR ist? Wir bei Technoform verfolgen einen Systemansatz, der die Performance über Zeit sicherstellen soll, um am Ende marktgerechte Systeme und Lösungen anzubieten, die dazu beitragen, die Gebäude nachhaltiger und idealerweise zu Energielieferanten machen. Einzelne Komponenten wie unsere Warme Kante-Produkte in verschiedensten Ausführungen tragen dazu im System bei.
Welche (technischen) Entwicklungen/Neuerungen gibt es bei Technoform, was die Warme Kante betrifft? Wo geht der Trend hin?
Wie oben angedeutet, glauben wir an die Performance von Systemen über Zeit. Wir bei Technoform beschäftigen uns mit dem gesamten Glasrandverbund und darüber hinaus mit thermisch verbesserten Fenstersystemen und Gebäudeteilen. Wir arbeiten neben den bekannten Abstandhaltersystemen (TGI-Spacer M, TGI-Spacer Precision, innen liegende Jalousien usw.) insbesondere auch an Lösungen zur Reduzierung von Klimalasten und integrierten Lösungen. Bei allem Systemgedanken ist uns auch immer wichtig, Lösungen anzubieten, die unsere direkten Kunden verarbeiten können. Wir versuchen, unseren Kunden dabei zu helfen, sich selbst im Wettbewerb differenzieren zu können. Dabei sind die Entwicklungen der klassischen Abstandhalter sicher auch noch nicht am Ende. Wir wollen mit unseren Kunden Mehrwert generieren, indem wir ihm helfen, seine Prozesse aber auch Produkte noch besser zu machen.
