Was ist los in einer Gesellschaft und Volkswirtschaft, die auseinanderdriftet? Soziologen belegen Unzufriedenheit und Misstrauen. Die Politik driftet nach rechts. Ist es die Folge der Sättigung nach den Wirtschaftswunderjahren, die auslaufende Welle des Vorzeigemodells Deutschland? Ein Gastbeitrag von Dr. Frank Walter, Walter Fenster + Türen in Kassel.

"Sind wir im Windschatten des Erhard´schen Modells Wohlstand für alle angekommen oder schon im Auge des Taifuns gefangen? Guido Westerwelle sprach von der römischen Dekadenz, die uns einholen könnte. Auch der provozierende Begriff ‚DDR light‘ bezüglich politischer Erziehung und einem Staat als Versorger gehört in diesen Topf. Da spielt aktuell die Ampelkoalition der Bundesregierung eine tragende Rolle.
Im Marketing heißt es: Hinter jeder Beschwerde schlummert ein Wunsch
Paradox: Diejenigen wählen rechts, die am Ende am wenigsten davon hätten, wenn man die Programme liest. Doch es scheint Protest zu sein. Wie heißt es so schön im Marketing: Hinter jeder Beschwerde schlummert ein Wunsch.
Einige Beispiele: Wir subventionieren großzügig E-Fahrzeuge und Batteriefabriken für neue Mobilität und ließen Straßen, Brücken und Schienen verkommen. Baugenehmigungen und Bauprozesse dauern ewig. Die noch immer nicht fertige A44 Kassel-Eisenach ist so ein Negativbeispiel.
Klimaschutz vs. Transportbeschränkungen
Wir wollen Klimaschutz, doch das Handwerk kann und darf sperriges Baugut zukünftig nicht mehr durch die engen Straßen jonglieren. Wir bremsen uns aus.
Man verbietet bestimmte Heizungen, fordert neue Heizungssysteme und Wärmepumpen, zieht aber den Stecker aus der Wohnungswirtschaft. Förderungen werden gestrichen, Programme sind unklar.
Einfache Maßnahmen für Gebäudeeffizienz fallen aus dem Raster
Einfache und bezahlbare bzw. zielführende Maßnahmen zur Energieeffizienz an Gebäuden fallen aus dem Raster. Ein führender Wärmepumpenhersteller in Deutschland verkauft sein Geschäft ins Ausland. Mieter können ihre renovierten Wohnungen kaum bezahlen.
Die Low Hanging-Fruits lassen wir liegen, z.B. den Fenstertausch nach vorn zu stellen. Wir schaffen mächtig Gegenwind.
Das Land wurde vielen Menschen zur Fluchtstätte. Das ist gut so. Doch alle können nicht bleiben. Das zu kommunizieren war ein No-Go. Nach der Wahl in Hessen will die Politik Schranken setzen, das Asylrecht neu denken. Die Motivation kam vom Erschrecken über den Wahlausgang. Wir springen zu kurz, die Analyse kam zu spät.
Wirtschaftliche Statistik zeigt Trends
So wie nun auch die Statistik über die wirtschaftlichen Eckdaten anscheinend eine sehr späte Erkenntnislinie setzt. Doch die stille Abstimmung mit den Füßen ist längst unterwegs. Auslagerungen von Industriearbeitsplätze in das Ausland finden ebenso statt wie schlichte Betriebsschließungen in Handel, Gastronomie und Handwerk. Wir schrumpfen leise.
Bürgergeld oder parallele staatliche Unterstützungen sind gut für den Ausnahme- oder Notfall. Sie federn Härten ab und wirken gegen Isolation. Wir müssen für Menschen in Not- und Bedarfslagen zuverlässig da sein ohne Sozialneid zu fördern. Aber langfristig ist das kein System mit Vorbildcharakter. ‚Gerecht ist eine Gesellschaft, wenn sie auch den Schwächsten ein würdiges Leben ermöglicht‘, sagt Rawls. Dem ist nichts hinzuzufügen!
Der Einzelne ist gefordert
Zwischenstand: Allen gerecht zu werden ist nicht zu schaffen und führt zu Ungerechtigkeiten. Da ist der Staat überfordert. Der Einzelne ist gefordert.
Kommen wir aber endlich zu den Chancen. Einwanderer mit aktivem Willen und einem guten Bildungsbackground sind Balsam auf die Mühlen des Arbeitsmarktes. Und: sie bereichern unsere Gesellschaft. Und unsere Volkswirtschaft. Gute Beispiele gibt es häufig – die darf man mehr zeigen.
Es braucht neues Denken
Das Thema Nachwuchs, Jugend, Generation X-Y-Z wird viel gequält. Dazu ein Zitat von Sokrates, 2400 Jahre alt: ‚Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.‘ Hier ist Selbstkritik und Optimismus angesagt, neues Denken, Einlassen auf den Zeitgeist.
Denn die Kritik scheint ja so neu nicht zu sein. Die Frage darf erlaubt sein, wo die Benchmark liegt, was tolerabel ist. Das Thema lebensphasenorientierte Führung wird ein ganz wichtiges Element im unternehmerischen Denken. Insgesamt müssen wir die Schätze erkennen und heben, die uns diese Nachfolgegeneration eben auch präsentiert.
Fazit: Wir brauchen eine Innovation unseres Modells der Sozialen Marktwirtschaft. Ein immer-so-weiter wird nicht funktionieren.
Lust haben, eine führende Nation zu sein
Einen Relaunch benötigen wir sozusagen, um die Lebenszykluskurve wieder in eine Welle nach oben zu bekommen. Wir sollten herauskommen aus der Durchschnittsfalle, manchmal auch aus den EU-Restriktionen und wieder Lust haben an dem Ziel, eine führende Nation zu sein, die der Welt aus dieser Stärke heraus Input geben kann.
Einen Mix aus bewährten Werten und neuen Parametern auf dem Fundament unseres tollen Grundgesetzes. Erneuerungswillen, Innovationen, attraktive Arbeitsplätze, Engagement des Einzelnen, Zeit für Privates sind die Schlagworte.
Soft on people – hard on facts
Für das Leadership im Unternehmen heißt dies übersetzt: Soft on people – hard on facts! Mehr Anreiz, Fleiß, Belohnung und dann auch Auszeit – das bringt weniger Schulden und Steuern. Denn wenn der Laden läuft, sinken die Staatsdefizite.
Eine faire Marktwirtschaft, so aus meiner Sicht ein passender Name, mit dem Kernziel des ökonomischen Erfolges wird nicht nur den Klimaschutz stemmen können, sondern auch das soziale Gemeinwohl bewirtschaften und damit den Menschen mit Handicap Chancen eröffnen."