Die Möglichkeit, Glas in Sekundenschnelle von blickdicht zu transparent zu schalten, bereichert die Innenraumgestaltung. Welche Lösungen bieten die Hersteller an, was für eine Technik steckt dahinter und wie massentauglich sind die Produkte? GFF hat sich intensiv am Markt umgehört.
Kleidungsstücke, die eine schlechte Körperhaltung erkennen, Autos, deren Stoßdämpfer sich an die Straßenverhältnisse anpassen, Fassaden, die durch einen Farbwechsel der Überhitzung trotzen: Alle diese Technologien haben eines gemeinsam: Sie sind mit Smart Materials ausgestattet, jenen Werkstoffen, deren Eigenschaften sich durch elektrische Spannung, Magnetfelder, Licht oder Wärme steuern lassen. Auch in der Glasbranche liegt der Einsatz solcher intelligenten Materialien im Trend. Die Hersteller warten mit modernen Lösungen auf, die der Innenarchitektur zu mehr Gestaltungsfreiraum und Ästhetik verhelfen. Das Raffinierte daran: Die Verglasungen lassen sich einfach per Knopfdruck von transluzent zu transparent schalten.
Der Kreativität freien Lauf lassen
Seit zirka 20 Jahren auf dem Markt etabliert ist die schaltbare Verglasung Priva-Lite von Saint-Gobain Glass (SGG). Das Sortiment, das unterschiedliche Ausführungen beinhaltet, hat der Glashersteller kontinuierlich erweitert. Farbe in den Raum bringt Priva-Lite Color. Die Produktneuheit kommt in zwölf Farbtönen daher und sorgt in Shops, Büros oder Hotels für optische Highlights. Die farbigen Gläser lassen sich wahlweise als Doppelverglasung für Terrassentüren oder -fenster mit zusätzlichem Einbruchschutz verwenden. Priva-Lite Pictureit verleiht dem Glas einen individuellen Touch: Die aufdruckbaren Motive sind abhängig vom Transparenzgrad unterschiedlich wahrnehmbar: Während im ausgeschalteten Zustand nur die Motive an der Glasvorderseite sichtbar sind, erkennt man im transparenten Zustand die Aufdrucke an der Vorder- und Rückseite gleichzeitig. Durch Überlagerung lassen sich diese sogar zu neuen Motiven zusammensetzen.
Priva-Lite Clarit heißt die rahmenlose, schaltbare Ganzglas-Innentür. Bei dieser filigranen Ausführung verlaufen alle elektrischen Kabel in einer Metallschiene entlang der oberen Kante des Türblatts. Mit versteckt geführten Kabeln in der Schiebeleiste funktioniert ebenfalls Priva-Lite Slide. Saint-Gobain-Glass bietet die neue rahmenlose Schiebetür in sämtlichen RAL-Farbtönen sowie in der Optik von Edelstahl und eloxiertem Stahl an. In Schiebetüren lassen sich schaltbare Gläser mit Verbundglasdicken von acht bis zwölf Millimeter und einem Gewicht von bis zu 140 Kilogramm einsetzen. Neue technissche Lösungen runden die Produktpalette ab: Das schaltbare Glas ist als Brandschutzverglasung Priva-Lite Contraflam für Anwendungen mit erhöhten Brandschutzanforderungen realisierbar, wobei die Feuerwiderstandsklassen EI30, EI60 und EI90 erreichbar sind. Last but not least bietet Priva-Lite XL schaltbare Scheiben mit Abmessungen von bis zu 1.820 mal 3.500 Millimeter, die sich zudem in gebogener Form ausführen lassen.
Transparenz, wo immer diese gefordert ist, verspricht KL megla mit seiner Produktlinie Megla Dynamic Glass. Die Glaslösung ist in maximaler Foliengröße von 1.820 mal 3.500 Millimeter erhältlich und lässt sich bei Bedarf mit Bohrungen und Ausschnitten für Beschläge versehen. Damit ist es möglich, rahmenlose Glasanwendungen wie Falttüren, Schiebetüren oder Ganzglastüren zu realisieren. Das Glas steuert die mitgelieferte Megla Dynamic Power Box.
Ebenfalls im Handumdrehen von transluzent zu transparent umschalten lässt sich Swisslamex Transopac von Glas Trösch. Das Produkt ist mit einem zwei- oder vierseitigen Rahmen für die elektrischen Anschlüsse eingefasst. Im transparenten Zustand ist eine Stromleistung von 25 W/m2 erforderlich. Die Umschaltgeschwindigkeit beträgt zirka eine Zehntelsekunde, die Abmessungen liegen bei maximal 1.400 mal 3.000 mm. Das Verbundsicherheitglas (VSG) mit veränderbarer Durchsicht ist mit weiteren Produkten von Glas Trösch wie ESG oder Isolierglas kombinierbar. Mit schaltbarem Glas lässt sich auf Knopfdruck eine Trennwand erzeugen, die je nach Bedarf offen oder in milchig-trübem Zustand als optischer Raumteiler wirkt.
Schafft Privatsphäre
Dabei sind der Anwendung kaum Grenzen gesetzt: Die Produkte kommen auf privater Ebene ebenso zur Geltung wie im gewerblichen Bereich. Vor allem Hotels, Krankenhäuser, Restaurants oder Wellness-Einrichtungen wissen die Vorzüge von schaltbarem Glas zu schätzen. Weitere Einsatzbereiche stellen Bahnhöfe, Umkleidekabinen, Besprechungsräume, Großraumbüros, Konferenzräume, Office Cubes oder Flughäfen dar. Vitrinen, Fassaden, Fenster, Schaufenster oder Projektionsflächen profitieren ihrerseits von der smarten Technologie.
Was auf den ersten Blick wundersam wirkt, lässt sich physikalisch ganz einfach erklären. Das Verbundglas besteht aus zwei Glasscheiben, zwischen denen ein Flüssigkristall-(LC) Film in zwei Zwischenfolien eingebettet ist. Im stromlosen Zustand befinden sich die Kristalle in einem ungeordneten Zustand, und das Glas ist vor Blicken geschützt. Legt man eine elektrische Spannung an, ordnen sich die Kristalle – das Glas wird automatisch transparent.
Unter Strom
Vorreiter in der Entwicklung der so genannten Flüssigkristallfenster-Technologie ist die Firma Merck aus Darmstadt. Anfang 2018 hat das Unternehmen eine Produktionsanlage in den Niederlanden in Betrieb genommen, um jenseits von Displays für Fernseher, Laptops, Smartphones und Tablet-PCs neue Anwendungsfelder zu erschließen. Als potenzielle Einsatzbereiche nennt das Unternehmen Fassaden, Innenanwendungen, Konsumgüter, Kfz-Schiebedächer und Seitenscheiben sowie Verglasungen in Bussen, Schiffen, Zügen und Flugzeugen. Dabei sieht sich Merck nicht als Wettbewerber von Glas- und Fensterherstellern, sondern als Lieferant der Module, mit denen Produzenten intelligente Glaselemente, Fenster und Fassaden bauen. Zudem steht der Hersteller Architekten, Designern sowie Fenster- und Fassadenbauern beratend zur Seite. „Es gibt mehrere Pilot-Installationen im Innen- und Außenbereich auf dem Merck Campus in Darmstadt sowie einige Installationen bei internationalen Kooperationspartnern“, teilt Dr. Johannes Canisius, Head of Liquid Crystal Windows bei Merck, auf Nachfrage von GFF mit. Die Kooperationen bei den Architekturanwendungen seien zurzeit noch vertraulich. So viel zum Stand der Technik – doch wie sieht die Zukunft für schaltbare Gläser aus? „Das Interesse an dem Produkt ist über die zurückliegenden Jahre hinweg konstant vorhanden gewesen“, lässt Glas Trösch verlauten und geht davon aus, dass sich der Bedarf in den nächsten Jahren auf gleichem Niveau einspielt. „Wir sehen eine positive Marktentwicklung, jedoch sind schaltbare Gläser immer noch Nischenprodukte“, erklärt dazu Saint-Gobain Glass.
Ausblick: Top oder Flop?
KL megla sieht im Gegensatz dazu höhere Absatzmöglichkeiten: „Unsere patentierten strom- und signalführenden Beschläge erweitern die Einsatzmöglichkeiten im Innenausbau deutlich“, sagt Global Sales Manager Philipp Majewski. „Damit lassen sich bewegliche Bauteile wie Türen, Schiebetüren und Faltwände mit schaltbarem Glas ausstatten, was bisher nur eingeschränkt möglich war.“ Des Weiteren komme schaltbares Glas in vielen erweiterten Applikationen zur Anwendung – für erhöhte Privatsphäre oder Personenschutz. „Durch zunehmend verkleinerte Hotelzimmer finden die Lösungen vermehrt auch hier Platz“, ergänzt Majewski. Das Gefühl eines größeren Raumes entstehe, indem etwa eine Trennwand zwischen Bad und Schlafbereich mit schaltbarem Glas ausgestattet ist. Ferner werde in Banken, Krankenhäusern oder auf Flughäfen zunehmend schaltbares Glas eingesetzt. Einen Aufwärtstrend prognostiziert Merck: „Da Flüssigkristalle Probleme der bestehenden schaltbaren Technologien wie lange Schaltzeiten, Blaufärbung der Gläser, unerwünschte Trübungen, Unbeständigkeit oder eine hohe Ansteuerungsspannung lösen, sehen wir große Markchancen“, sagt Canisius.