Obwohl das Glaserhandwerk nach wie vor eine Männerdomäne ist, gibt es auch Meisterbetriebe, in denen die Frauen erfolgreich die Regie führen. Ein Paradebeispiel dafür ist die Glaserei Doerfert in Niedersachsen, die vergangenes Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hat.
Die Glaserei Doerfert im niedersächsischen Salzgitter blickt auf eine bewegte Unternehmensgeschichte mit vielen Höhen, aber auch mit Tiefen zurück. Im vergangenen Jahr hat der Meisterbetrieb sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. „Das gelingt nur, wenn alle an einem Strang ziehen“, fasst Inhaberin Andrea Thomann das Erfolgsrezept zusammen. In der Region hat sich das Unternehmen mit Glas- und Reparaturarbeiten aller Art einen Namen gemacht – von Vordächern, Spiegeln, Glasduschen, Türen, Reparaturverglasungen und dem Fenstereinbau über Rollläden, Markisen und Insektenschutz bis hin zu Innentüren, Ganzglasanlagen und Bildereinrahmungen. Die Leistungen nehmen vorwiegend Privatkunden, aber auch Wohnbaugesellschaften in Anspruch. Zudem ist der Betrieb als Vertragsglaserei für einen ortsansässigen Schienenfahrzeughersteller tätig.
Eine weitere Besonderheit ist – neben der langjährigen Tradition – die geballte Frauenpower. Seit inzwischen sechs Jahren leitet Thomann die Kunst- und Bauglaserei in der dritten Familiengeneration. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Ehemann Martin Thomann, der als Bautechniker und Zimmermann die technische Leitung innehat. Zuvor leitete Andrea Thomanns Mutter Ute Dollberg 47 Jahre lang die Geschicke. Und mit Tochter Lina Thomann steht auch schon die vierte Generation in den Startlöchern.
Auch die Krisenzeiten gemeistert
Doch zunächst ein Blick auf die Anfänge: Im Jahr 1919 eröffnete der Glasermeister Friedrich Doerfert eine Werkstatt in seiner Heimatstadt Breslau. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es ihn nach Salzgitter, wo er 1946 den Betrieb erneut aufbaute. Obwohl er drei Söhne und zwei Töchter hatte, vertraute er die Nachfolge seiner Tochter Ute Dolberg an. „Sie war die Vernünftigste von den Kindern und wurde verpflichtet, ihren Meister zu machen und den Betrieb weiterzuführen“, erinnert sich Doerferts Enkelin Andrea Thomann. Damals, Ende der 1960er-Jahre, habe die Glaserei rote Zahlen geschrieben. Mit viel Willensstärke und Durchhaltevermögen sei es Dolberg gelungen, den Betrieb wieder auf sicheren Boden zu bringen. „Das war hart für meine Mutter“, sagt Thomann, die quasi in der Werkstatt groß geworden ist. Nach dem Abi begann sie zunächst eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht mein Ding ist“, gesteht sie. Die Finanzbuchhaltung habe sie noch mitgenommen, dann brach sie die Lehre ab und startete im mütterlichen Betrieb durch – als eine der wenigen weiblichen Auszubildenden im männerdominierten Glaserberuf. Im Jahr 1993 sattelte sie schließlich auch die Meisterausbildung drauf.
Als Thomanns Mutter vor sechs Jahren im Alter von 67 Jahren ganz plötzlich verstarb, stand sie, die Tochter, vor einer großen Herausforderung. Das Dilemma: Es hatte noch keine geregelte Übergabe stattgefunden. „Das waren schwierige Zeiten“, sagt sie rückblickend. „Im ersten Jahr nach der Ad hoc-Übernahme bin ich viermal geblitzt worden, weil alles so schnell gehen musste.“ Ihre Mutter habe sich schwergetan, die Geschäfte abzugeben, der Betrieb sei ihr Steckenpferd gewesen. Wie Andrea Thomann schließlich der Weg aus der Krise gelang, weiß sie heute selbst nicht mehr. Eines sei aber sicher, sie habe für sich viel daraus gelernt.
Arbeitsunfall an der Bohrmaschine
Mit Lina Thomann hat der Betrieb bereits eine engagierte Juniorchefin am Start. Im Juli 2020 hat die 25-Jährige ihre Meisterausbildung in Hadamar erfolgreich abgeschlossen. „Meine Oma hat dort auch schon den Meisterkurs besucht“, sagt sie. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Soziale Arbeit studieren, aber daraus wurde nichts. Zwischenzeitlich verdiente sie ihr Geld mit Gelegenheitsjobs, stellte dann aber fest, dass ihr die Arbeit in der heimischen Werkstatt fehlte. Und so kam es, dass auch sie den Weg in den Familienbetrieb fand.
Im Verlauf ihrer Glaserausbildung setzte sie ein schlimmer Arbeitsunfall für mehrere Wochen außer Gefecht. „Ich habe mir an der Glasbohrmaschine den Daumen der linken Hand abgesägt“, erklärt sie. Dieser sei bei einer Operation wieder angenäht worden. Dass er heute trotz Physiotherapie noch nicht wieder vollständig beweglich ist, sieht sie gelassen. „Ich hatte noch Glück im Unglück“, sagt sie und freut sich, dass sie wieder bohren und ihrem Hobby, dem Bouldern, nachgehen kann. Allerdings passe sie bei Gefahrensituationen im Beruf und im Privatleben heute viel besser auf als früher.
Der Kollegenaustausch ist wichtig
Seit vielen Jahren setzt die Glaserei Doefert auf die Mitgliedschaft in der Glaser-innung Niedersachsen: „Der Austausch mit den Kollegen ist uns wichtig“, bestätigen Mutter und Tochter. „Wir erhalten viel Unterstützung von der Geschäftsführung, und der Kontakt ist sehr eng.“
Der Betrieb ist aktuell gut ausgelastet, die Auftragsbücher sind voll. „Als die Corona-Pandemie kam, hatten wir erst Zukunftsängste, aber zum Glück durften wir unter Einhaltung der Auflagen weiterarbeiten“, resümiert Andrea Thomann. Im Zuge der Krise habe es eine vermehrte Nachfrage nach Nischenprodukten wie Trennwänden für Ärzte, Büros, Banken und Ladengeschäfte gegeben. Zudem hätten viele Hausbesitzer während des Lockdowns ihre Häuser und Wohnungen renoviert und z.B. lackierte Glasrückwände für ihre Küche in Auftrag gegeben.
Fließender Generationenwechsel
Lina Thomann ist ehrgeizig, unkompliziert und packt auf der Baustelle gerne mit an. Das macht ihr Spaß, ein Hemmnis für Frauen in Hinblick auf die körperliche Arbeit sieht sie nicht. „Wenn’s mal kritisch wird, müssen halt die Männer ran“, sagt sie. Außerdem werden die Scheiben immer zu zweit getragen – und es gebe inzwischen verschiedene Hilfsmittel zum Transportieren und Heben.
Obwohl sie sich in der Branche oft doppelt behaupten müssen, bereuen Andrea und Lina Thomann ihre Berufswahl nicht. Der Weg sei der richtige gewesen, bestätigen Mutter und Tochter. Auch an den raueren Ton auf der Baustelle haben sich die beiden Frauen inzwischen gewöhnt. Die Selbstständigkeit sei generell mit viel Verantwortung verbunden, aber: „Wir sind ein familiärer Betrieb mit einem tollen Team und blicken optimistisch in die Zukunft“, sagen sie und haben dabei auch die Nachfolge bereits fest im Blick. „Es soll ein fließender Übergang werden.“