Vertrauensarbeitszeit, Vier-Tage-Woche, Elternzeit für Väter: Im Handwerk gibt es längst Betriebe, die Mitarbeitern Alternativen zu starren Arbeitszeiten anbieten. Patentrezepte gibt es aber nicht. Worauf kommt es an? Lesen Sie diese Erfahrungsberichte.

Bei Heideglas in Uelzen nahe Lüneburg haben Thorsten und Tanja Neumann schon vor Jahren den Entschluss gefasst, flexible Arbeitszeit einzuführen. Gesagt, getan. Und das mit großem Erfolg. Der Betrieb ist mehrfach für seine Familienfreundlichkeit ausgezeichnet worden. Allerdings besteht diese Familienfreundlichkeit nicht nur aus flexibler Arbeitszeit, sondern mehreren Aspekten.
Mehr als nur Arbeitszeitregel
„Das Konzept umfasst viele kleine Punkte, die einfach umsetzbar sind“, sagen die Neumanns. Hierzu zählen u.a. die Aufstellung von zwei Liegen für ein kurzes Powernapping, ein wöchentlicher bereitgestellter Obstkorb für den Vitamin-Kick sowie individuelle Arbeitszeitvereinbarungen. „Gute Unterstützung bieten hierbei die Krankenkassen vor Ort, v.a. im Bereich der Ergonomie am Arbeitsplatz“, erläutern Thorsten und Tanja Neumann.
Konzept bei Bedarf anpassen
Die beiden sind mit ihrem Betriebskonzept in der aktuellen Form zufrieden. Es gibt nicht das eine Konzept mit Gültigkeit auf ewig. Im Gegenteil. Bei Heideglas ist man sich bewusst, dass das Konzept wo nötig angepasst und nachjustiert werden kann. „Das Konzept entwickelt sich ständig weiter. Viele Ideen kommen auch direkt von den Mitarbeitenden“, sagt die Heideglas-Geschäftsführung. Im Kern sei ihr Betriebskonzept für alle Handwerksbetriebe geeignet, so die Neumanns. Egal welches Gewerk, egal ob Kleinst- oder Großbetrieb. Der Grund liegt im Handwerk selbst, in seiner Inhaberstruktur. Gerade Handwerksbetriebe seien laut Thorsten und Tanja Neumann häufig familienorientiert und dadurch gut aufgestellt.
Außendarstellung
Die beiden haben auch einen Tipp für Betriebsinhaber, die sich mit dem Thema flexible Arbeitszeit befassen oder schon befasst haben. Eine Zertifizierung eignet sich, um das Engagement auch nach außen hin sichtbar zu machen, so die Neumanns.
Die Mitarbeiter gestalten mit
Und was sagen die Mitarbeiter zu dem Konzept? Da die Mitarbeitenden bei Heideglas das Konzept wesentlich mitgestalten können, erfahren sie eine hohe Wertschätzung durch die Unternehmensleitung, die maßgeblich zur Zufriedenheit beiträgt. Die Neumanns wollen ihr Konzept nicht missen. Denn es steht in unmittelbarer Beziehung zum Unternehmenserfolg und sichert das Bestehen der Firma. Ohne ihr Konzept, sagen Thorsten und Tanja Neumann, würden sich die Mitarbeitenden weniger mit dem Unternehmen identifizieren. Das wiederum könnte sich auf die Leistungsbereitschaft auswirken.
Umsetzung je nach Aufgabenbereich
Die Lorit GmbH in Ludwigsburg hat ähnlich wie Heideglas bereits vor einiger Zeit eine eigene Arbeitszeitregelung für die Mitarbeiter eingeführt. Man habe damit gute Erfahrungen gemacht, sagt Prokurist Björn Bruckner. Nach seinen Worten komme es darauf an, je nach Aufgabenbereich unterschiedliche Umsetzungsmodelle zu finden und umzusetzen. „In der Montage bringt es nichts, den Mitarbeitern eine Vier-Tage-Woche anzubieten. Die Mitarbeiter wollen aufgrund der körperlichen Anforderungen nicht mehr als acht Stunden arbeiten“, sagt Bruckner. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Türen- und Fenster. Folglich seien Arbeitszeiten von zehn Stunden bzw. die Vier-Tage-Woche keine Option.
Kernarbeitszeit
Stattdessen führte das Unternehmen die Kernarbeitszeit ein. Zirka ein Drittel der Mitarbeiter beginnen den Arbeitstag zwischen 6 und 7 Uhr morgens, ein Drittel zwischen 7.30 und 8 Uhr, und ein Drittel zwischen 8.30 und 9 Uhr.
Dialogprinzip
Bei den Monteuren richtet sich die Arbeitszeit nach den Erfordernissen des jeweiligen Bauvorhabens. Wer wann wie lange arbeitet, wird im Dialog entschieden. Die Einteilung ist Aufgabe der Obermonteure. „Das hat sich bewährt“, sagt Bruckner. Bei großen Projekten beispielsweise arbeiten die Monteure auch samstags. Dann wird im Vorfeld entschieden, wer freitags bis 18 Uhr arbeitet und wer gegebenenfalls früher Feierabend macht. Maßgeblich sei immer die Zeitvorgabe für die Fertigstellung eines Bauvorhabens. Ähnlich wie bei Heideglas umfasst das Konzept von Lorit mehr als nur eigene Arbeitszeitregelungen. So hat das Unternehmen für die Mitarbeiter einen Fitnessraum eingerichtet. Einmal wöchentlich gibt es frisches Obst. Kaffee, Tee und Wasser sind gratis.
Nachgefragt: Pro oder Kontra flexible Arbeitszeit?
Bieten Sie flexible Arbeitszeitmodelle an? Gunther Ziegelmeier, Preisträger Fensterbauer des Jahres 2020: " Das waren noch Zeiten als um 7 Uhr Arbeitsantritt war, um 9 Uhr Brotzeit, 12 Uhr Mittag und um 17 Uhr Feierabend. Planbar, auf die Minute abgestimmt, womöglich noch mit Klingelzeichen als Weckruf. Da hast dich noch aufgeregt, wenn der letzte aus der Pause kam und bis der endlich wieder an der eigentlichen Tätigkeit war. Lange vorbei."

"Mit der mobilen Zeiterfassung gibt der Mitarbeiter seinen Start selber an und nimmt sich die Pausen wie es gerade in die Tätigkeit passt, mobil erfasst. Klar ist vormittags Brotzeit und mittags Mittag, aber wie lang, entscheidet jeder für sich. Nachmittags gibt’s Kaffee in der Werkstatt. Das ist die Gelegenheit für das gemeinsame Gespräch. Mittlerweile sind wir bei der 4 Tage-Woche. Die meisten arbeiten lieber von Montag bis Donnerstag und am Freitag gar nicht mehr. Wir waren fast ein halbes Jahr auf Montage unterwegs. Wegen der Fahrzeiten haben wir von Montag bis Donnerstag die Wochenstunden locker beisammen gehabt und Freitags sind die Chefs zu den Kunden oder ins Büro. Das läuft seit zirka zwei Jahren so. Aber wenn es drauf ankommt, sind alle pünktlich da."
