Essay von Frank Walter Big Quit?

In seinem Essay „Big Quit? wagt Dr. Frank Walter, Geschäftsführer von Walter Fenster und Türen in Kassel, einen Parforceritt durch die Prärie der aktuellen Krisenfelder, um immer wieder auf die praktischen Herausforderungen in den Unternehmen zurückzukommen. "Big Quit" als Begriff aus den USA ist ein anhaltender wirtschaftlicher Trend, bei dem Arbeitnehmer seit Anfang 2021 massenhaft freiwillig ihre Jobs aufgeben, weil sich Rahmenbedingungen rasch ändern und zu individuellem Umdenken führen. Diesen Begriff kritisch aufgreifend und erweiternd, zeigen sich Herausforderungen und Chancen.

Dr. Frank Walter, Geschäftsführer von Walter Fenster und Türen in Kassel - © Walter Fenster und Türen

Die Lehrbücher der Ökonomie und Diplomatie wackeln derzeit in den Regalen und könnten umgeschrieben oder erweitert werden müssen. Im Windschatten des Corona-Dramas um Gesundheit und Freiheit tauchten unerwartet neue Gespenster am westeuropäischem Horizont auf, die Sorgenfalten und Fragezeichen herausforderten: Ukraine-Krise, Inflation, Energieengpass. Dieser Mix ist ein nie dagewesenes Mammut. Alles gerät unter das Vergrößerungsglas in den Brennspiegel. Der Druck nach Wandel und Veränderung war selten so groß, wie die folgenden Fakten und Beispiele zeigen. Big Quit könnte als Oberbegriff für den Wechsel eingespielter Abläufe unserer Wirtschaft und dem sozialen Klima stehen.

Wir erleben statt Klimaschutz und Gut-Mensch-Politik eineb Kälte- und Dogmenschock auf dem politischen Parkett mit dem Donner der Ukraine-Krise. Der Winter könnte kälter werden. Grüne Politiker fordern schwere Waffen für die Ukraine. Es fallen Dogmen. Die Welt schaut in den Spiegel. Manches erscheint spiegelverkehrt. Und das führt zu vielen Fragen und Verunsicherungen.

Unser Staat zeigte sich in der Corona-Krise als funktionierende Organisation, auch wenn manche Entscheidung langatmig erschien. Das ist ein gutes Fundament! Leider signalisierte der Staat aber auch eine Spendierfreudigkeit, die manchen Anreiz in die falsche Richtung lenkte. Das bekommen wir ökonomisch derzeit zu spüren, es fällt uns auf die Füße.

Eine schonungslose Überraschung hat uns insgesamt gepackt, befördert uns aus der Komfortzone. Waren wir zukunftsblind? Schwammen wir sorglos im warmen Teich? Waren die Perspektiven zu einfach gestrickt? Gibt es die ökologische Ignoranz? Sahen wir die soziale Indifferenz nicht? Warum besetzen tendenziell Linke und Grüne das Thema Umwelt und geben Richtungen vor?

Finanzkrise 2008, Flüchtlingskrise 2015, Corona-Krise 2020, Materialengpässe 2021 und nun in 2022 der Ukraine-Konflikt mit Energiekrise und der drohenden Stromfalle on top. Das System gerät in Schwingung – mehr als wir es sehen wollten oder konnten. Mit dieser Perspektive gehen die Meinungen zur Zukunft schwer durcheinander. Auf jeden Fall sehen wir geopolitische Schockwirkungen, die alle treffen. Das Decoupling von der Weltwirtschaft zeigt sich in unterbrochenen Lieferketten, die bis in die Lager des Fensterbaus reichen. Die sich überlappenden und aufschaukelnden Krisenszenarien stellen Vergangenheit und Gegenwart in Frage.

Wie unbequem die Wahrheit wird, zeigte symbolhaft die weltweit bedeutendste Ausstellung moderner Kunst documenta fifteen, die sich zu einer politischen Kritikveranstaltung mauserte. Wenig Ästhetik, aber viel Provokation. Ein Kollektiv wurde Kurator. Neue Wirtschaftsformen werden propagiert (Commonism), die wegschauen lassen oder wachrütteln sollen. Es zeigt sich am Ende Veränderbares – ein Fingerzeig und ein Spiegel.

In den Unternehmen vor Ort brodelt die Kernfrage in der Praxis: Die Extrameile zu gehen, ist notwendig in vielen Branchen. Doch wer geht sie noch mit? Und wie können wir die Herausforderungen bezahlen?

Unternehmenspraxis: Der hohe Krankheitsstand ist einer dieser Indikatoren einer solchen These der Entfremdung zwischen Leistung und Anspruch. Auszusetzen ist einfach geworden. Ein symbolischer Effekt, dessen Steinwurf die Wasserkreise ausweitet und die Statistik beweist.

Parallel wird in einigen Handwerksbetrieben stattdessen eilig die Vier-Tage-Woche ausgerufen und unkritische, aber gesellschaftswandelnde Journalisten der Morgenmagazine klatschen umgehend Beifall, berichten und beeinflussen, was das Zeug hält. Neue Begehrlichkeiten werden gesät. Sorry: Das Gegenteil ist  notwendig. Um dem Klimawandel und der Energiekrise zu begegnen, müssen wir einen Zahn zulegen und nicht der PR und einfachen Propaganda folgen. Genau hingucken hilft, um der Durchschnittsfalle zu entweichen.

Einiges ist schief gelaufen rund um die gesunde Distanz zwischen Arbeit und Privatem. Mittelpunkte wurden verschoben und führen zu new work. Es dreht sich mehr um Freiheit, Freizeit und Freiraum – weniger um die Arbeit. Muss man vielleicht einfach akzeptieren und als Herausforderung im kulturellem Impact sehen. Wähenddessen prägen Soziologen den Begriff des Arbeitsleides und geben Rückzugsstrategien einen Nährboden.

Zum Fensterbau: Unsere Branche kann überdurchschnittlich ad hoc beitragen zur Wärmedämmung und Energieeffizienz. Das wird dieser Tage deutlicher denn ja. Aber auch wir haben uns treiben lassen von den Ideen einer technologieorientierten Klimaschutzdebatte um Hightech-Geräte im SmartHome-Modus. Klimaschutz braucht sicherlich gute Ideen und auch diese Technik – aber nun unbedingt und sofort neue Fenster zur Gebäudedämmung. Diese low hanging fruits-Logik der einfachen Gebäudeumrüstung ist in diesen Zeiten eine zielführende Lösung. Hier geht Ernten unverzüglich. Neue Fenster braucht das Land.

In der Praxis vor Ort zeigt sich dabei die Herausforderung Facharbeitermangel deutlich. Der Fight um Köpfe ist neben dem Markt zu einer Herausforderung geworden. Unternehmen werden auf den heimischen Märkten zukünftig nur erfolgreicher sein können gegen den Wettbewerb, wenn das bessere Team agiert. Insgesamt muss der Mittelstand dieses Thema wuppen, denn ansonsten geht die Arbeit über die Grenzen und kommt im Container fertiggestellt zurück. Eine große Anzahl von Nachfragern, die sich die Produkte leisten können, brauchen wir aber auch. Also müssen wir schon gut auf unsere Volkswirtschaft aufpassen.

Ein deutscher Wirtschaftsminister spricht salopp vom zwischenzeitlichen Schließen von Betrieben in der möglichen Energiekrise, als sei das alles mit der Gießkanne des Staates anscheinend irgendwie, im Zweifel finanziell, zu regeln. Doch philosophische Ansätze genügen hier nicht. Das Finanzamt wird die Steuern nicht aussetzen wollen, die Krankenkasse braucht Beiträge und der Mitarbeiter möchte in der Betriebspause Geld, um den Lebensunterhalt aufrechtzuerhalten. Auch dies ist ein Beispiel für den Trend zur Vollkaskomentalität. Das Signal "Ich kann dann einfach mal weg sein" kommt als Botschaft an, vor allem bei den jüngeren Menschen. Erhards Modell "Wohlstand für alle" – weit weg!

Und wenn dann keiner mehr weder so richtig irgendwo oder lange bleibt, noch so richtig qualifiziert oder motiviert ist, und auch Botschaften gestreut werden, passieren mehr solcher Sachen, die mir kürzlich die Mittagspause mit Humor pulverisierten, als ich beim Handwerksmetzger vor Ort nach einem Brötchen mit Rindergehacktem verlangte und die Fleischerei-Fachverkäuferin bemerkte: "So etwas kann man doch nicht wirklich essen, oder?" Doch, kann man … .

Was mit Work-Life-Balance startete, kann im Big Quit enden. Muss aber nicht. Wir dürfen uns durchaus hinterfragen und auch neu aufstellen. Das kann am Ende hilfreich sein!

Unsere materiellen und immateriellen Werte und unsere Kultur sollten wir dabei  bewahren. Das ist in einer globalen und komplexen Welt eine Tugend, die zu Freiheit, Frieden, Bildung und Lebensstandard führt – für den blauen Globus insgesamt eine langfristige Perspektive.

Hoffen wir, dass die Zunge der Weisen eine diplomatische Lösung Richtung Ukraine erarbeitet und somit Zeit gewonnen wird für eine Neuordnung des europäischen Hauses. Nur mit diesem Schlüssel werden die Probleme an der Nahtstelle Ost-West politisch in ruhiges Fahrwasser kommen und für wirtschaftliche Perspektiven auch vor Ort sorgen.