Jedes Jahr im Sommer und Winter stellen sich viele Handwerksmeister die Frage, ob die eigene Glaserei Betriebsferien macht oder die Mitarbeiter wechselweise Urlaub nehmen. Für beide Varianten gibt es Vor- und Nachteile. Das Netzwerk glaserhandwerk.org hat bei seinen Mitgliedern nachgefragt. 34 Glasermeister und Betriebsinhaber haben geantwortet.

In den Sommerferien und in der Zeit nach Weihnachten häufen sich die Urlaubswünsche der Mitarbeiter. Dazu sind viele Kunden im Urlaub. Die Anfragen werden weniger und es wird schwer, Aufmaß- und Montagetermine zu vereinbaren. Das ist für viele Glasereien der Anlass, zwei Wochen zu schließen und selbst zu verreisen oder zu Hause Kraft zu tanken.
Pro: Betriebsferien erleichtern Organisation
Neben der Abwesenheit der Kunde sprechen aber auch organisatorische Gründe für Betriebsferien. Denn je nach Werkstattgröße erstreckt sich die Urlaubszeit gerade im Sommer über zehn bis zwölf Wochen. In diesem Zeitraum ist immer irgendwer weg, es müssen Teams umbesetzt und Termine verlegt werden. Marcel Bosen von der Glaserei Bosen aus Minden sieht aber auch den Zusammenhalt in der Belegschaft durch gemeinsame Ferien gesteigert: "Es ist für alle deutlich besser, da alle erholt aus dem Urlaub kommen und nicht eine Hälfte 110 Prozent geben muss, um für die anderen alles mitzustemmen."
Und so machen 34 Prozent der Mitglieder von glaserhandwerk.org gerne Betriebsferien. Es sprechen aber auch eine ganze Reihe von Gründen gegen eine komplette Schließung der Werkstatt. 66 Prozent haben deshalb keine Betriebsferien.
Contra: Umsatz und Flexibilität für Mitarbeiter fehlt
Es sind einerseits wirtschaftliche Gründe, denn für die auftragsfreie Zeit muss ein finanzieller Puffer vorhanden sein. Christian Schimmelschmidt von Odenwaldglas in Höchst i. Odw. erwägt: "Wenn man es wirtschaftlich stemmen kann, ist es auf jeden Fall eine gute Sache." Löhne und Fixkosten laufen nämlich auch ohne Umsatz weiter. Idealerweise sind die Einnahmen auf das Jahr gesehen gleich, aber: "Bis vor 15 Jahren hatten wir immer drei Wochen Urlaub im Sommer. Danach hatten wir häufiger ein Problem mit der Liquidität und haben seitdem keinen Betriebsurlaub mehr" sagt Jörg Großegesse von der Glaserei Hein in Celle. Die umsatzlose Zeit muss also gut geplant werden.
Insbesondere aber die Urlaubswünsche der Mitarbeiter sind für Inhaber der Grund, mehr Flexibilität zu bieten. Glasermeister Michael Wockenfuß aus Hamburg sagt: "Grundsätzlich halte ich Betriebsferien für super, aber in der heutigen Zeit kaum noch durchführbar. Und dann kommen noch die Wünsche des Personals und der Kunden." Und auch Tim Moske von Glas Moske in Saarburg sagt: "Wir (meine Kollegen und ich) möchten das nicht, da eine Gruppe bei Betriebsferien immer benachteiligt ist." Jan Rehermann, Glasermeister bei Glas Athmer in Coesfeld konkretisiert: "Durch Betriebsferien müssen auch kinderlose Mitarbeiter in den Sommerferien Urlaub machen, wenn Hotels und Flüge teurer sind."
Mittelweg: Leichtere Tätigkeiten statt Betriebsferien
Betriebsferien light macht die Harwardt Glasfachbetrieb GmbH aus Meckenheim-Merl. Glasbautechniker Hendrik Meilicke beschreibt das wie folgt: "Wir nutzen die Urlaubszeit immer dafür, um Aufträge oder sonstiges aufzuarbeiten, was manchmal dem allgemeinen Wahnsinn erliegt. So arbeiten wir Kleinstaufträge ab und bringen die Waren- und Lagerbestände auf Vordermann."
Ob Betriebsferien für den eigenen Betrieb funktionieren, muss jeder Glasermeister also individuell abschätzen, festlegen und ausprobieren. "Wichtig ist der Austausch im Netzwerk, denn so bekomme ich auch mal einen neuen Impuls und kann von den Erfahrungen der Kollegen profitieren", sagt Daniel Zitto von Glas-Zitto aus Koblenz.
Entscheidungshilfe: Was Betriebe bedenken sollten
Folgende Checkliste kann bei der Entscheidung über die Ferienregelung unterstützen:
- Mitarbeiter einbinden: Eine Regelung, die gemeinsam diskutiert und getroffen wurde, hat viel mehr Akzeptanz als eine Ansage vom Chef.
- Zusammensetzung der Belegschaft: In Jahren vieler schulpflichtiger Kinder ist die Bereitschaft zu Betriebsferien voraussichtlich hoch. Wenn Mitarbeiter sich nicht nach Ferienzeiten richten müssen, könnte auch eine Schließung vor oder nach den Sommer- oder Winterferien Sinn machen.
- Leistungsangebot: Eine Glaserei mit überwiegendem Projektgeschäft kann Aufträge so einplanen, dass die Schließung keinen Ausfall bedeutet. Viele Reparaturen und Notdiensteinsätze erfordern hingegen eine durchgehende Erreichbarkeit.
- Betriebsgröße: Je mehr Mitarbeiter, desto mehr mögliche Regelungen. Zum Beispiel kann in größeren Werkstätten ein Team den Kundendienst gewährleisten und macht dann Urlaub, wenn die restliche Belegschaft wieder zurück ist.
- Netzwerk: Wenn es einen vertrauensvollen Glaserkollegen im näheren Umfeld gibt, kann dieser Notdiensteinsätze fahren. Eine gegenseitige Vertretung nimmt die Angst davor, dass Kunden abwandern.
Glaserhandwerk.org gibt noch einen Tipp zur Erreichbarkeit: Werden Anrufe und E-Mails über einen Erreichbarkeitsservice abgewickelt oder E-Mails automatisiert, freundlich beantwortet, kann auch der Chef in den Urlaub fahren, wenn alle weg sind. Insbesondere bei kleinen Werkstätten ist es besonders wichtig, dass auch der Inhaber Ruhepause hat. Denn in der Regel ist er noch zusätzlich belastet, wenn die Mitarbeiter Urlaub machen.
Über glaserhandwerk.org
Das Netzwerk glaserhandwerk.org vereint Glasermeister und Inhaber von Glasereibetrieben in Deutschland. Gegründet von Daniel Zitto im Jahr 2024, sind bereits ca. 60 Mitglieder von Schleswig-Holstein bis ins Allgäu, von Saarbrücken bis Berlin hinzugekommen. Es findet ein regelmäßiger Austausch zum Beispiel in einer für Meister und Inhaber exklusiven WhatsApp-Gruppe statt. Hierin können sich die Mitglieder zu Fragen aus dem Werkstattalltag austauschen. Diskutiert werden betriebswirtschaftliche, technische und persönliche Themen werden. Der exklusive Teilnehmerkreis garantiert einen Austausch auf Augenhöhe und ein weitgehend konkurrenzfreies Umfeld. Darüber hinaus werden Online-Webinare veranstaltet. Auf www.zukunft-glaser.de veröffentlichen die Glasereien ihre Lehrstellen.
Das Ziel von glaserhandwerk.org ist es das Level an Kooperation, Professionalität und Sichtbarkeit im Glaserhandwerk zu erhöhen. Die Teilnahme ist kostenlos uns steht allen Glasermeistern und Betriebsinhabern offen. Mehr Informationen und Anmeldemöglichkeit unter www.glaserhandwerk.org