Expertennetzwerk Die Glaslotsen trafen sich in Ochsenfurt

Das interdisziplinäre Wissens- und Beratungsnetzwerk Glaslotsen hat sich Anfang November zu seiner zweiten Tagung in Ochsenfurt getroffen. Im Mittelpunkt standen aktuelle Entwicklungen in der Forschung zu Dünn- und Vakuum-Isoliergläsern, die als Schlüsseltechnologien für energieeffiziente und nachhaltige Flachglasverarbeitung im Bau gelten.

Die Zahl der Unternehmen, die sich dem Netzwerk GlasLotsen anschließen steigt stetig. Bereits zum zweiten Mal tagte das Wissensnetzwerk in Och-senfurt bei Würzburg. - © Jürgen Reisländer, Glaslotsen

Das stetig wachsende Interesse und der spürbare Zuwachs an Unternehmen, die sich dem Glaslotsen-Netzwerk anschließen, unterstreichen nach Angaben der Veranstalter die Relevanz des Zusammenschlusses. Zu den Mitgliedern zählen renommierte Persönlichkeiten wie Prof. Dipl.-Ing. Rudolf Schricker, Innenarchitekt und ehemaliger Präsident des Bundes Deutscher Innenarchitekten, Prof. Dr. h.c. Klaus F. Layer, Sachverständiger für Bauphysik und Fassadentechnik, Dr.-Ing. Matthias Seel, Leiter des Glass Competence Centers der TU Darmstadt und Mitglied mehrerer Normenausschüsse, sowie Jürgen Reisländer, Initiator und Gründer der Glaslotsen.

Ideeller Ansatz ohne Gewinnabsicht

Das Fundament des Netzwerks bilden jedoch zahlreiche Glashersteller und -verarbeiter, die ihr praxisnahes Know-how in die Gemeinschaft einbringen. "Unser Ziel ist es, das Wissen und die Erfahrungen aus Handwerk, Glasverarbeitung, Wissenschaft und Forschung zu bündeln und zugänglich zu machen", sagt Gründer Jürgen Reisländer.

Dabei gehe es ausdrücklich nicht um wirtschaftliche Interessen, sondern um einen ideellen Ansatz, betont Prof. Rudolf Schricker: "Wir wollen kein profitgetriebenes Unternehmen aufbauen, sondern eine Plattform für Austausch und Weiterentwicklung schaffen."

Vakuumglas: Neue Wege zu dünneren Scheiben

Bei der jüngsten Tagung erfuhren die zirka 30 Teilnehmer Wissenswertes über aktuelle Entwicklungen im Glasrecycling. Tobias Rist, Gruppenleiter am Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM, erläuterte das Ziel eines Closed-Loop-Systems: "Künftig sollen mehr Rohstoffe durch wiederverwertetes Glasmaterial ersetzt werden."

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem Thema Vakuum-Isoliergläser – einem technologisch anspruchsvollen Produkt, das helfen soll, Material zu sparen und Energieeffizienz zu steigern. "Im Vergleich zu herkömmlichen Dreifachverglasungen besteht die Vakuum-Isolierverglasung lediglich aus zwei Schichten", erläuterte Dr. Matthias Seel. "Wir forschen derzeit an neuen Dichtmaterialien, verbesserten Versiegelungstechniken sowie optimierten Abstandshaltern und Hybridaufbauten, um Gewicht und Kosten weiter zu reduzieren."

Darüber hinaus appellierte Seel an die teilnehmenden Unternehmen, sich aktiv in Normungsausschüssen zu engagieren. Gerade Betriebe, die täglich mit den praktischen Herausforderungen des Glasbaus konfrontiert seien, könnten wertvolle Beiträge leisten: "Diejenigen, die mit den Themen vor Ort arbeiten, kennen die Anforderungen und Schwierigkeiten am besten – dieses Wissen gehört in die Normung eingebracht."

Fortschritte bei Dünnglas-Fertigung

Zudem berichtete Seel über Fortschritte in der Glasbearbeitung: Tests zum Biegen und Vertiefen von Flachglas seien erfolgreich verlaufen; derzeit werde an Verfahren zur Serienfertigung gearbeitet. Auch die Herstellung großflächigen Dünnglases, wie man es aus Displays kennt, werde intensiv erforscht. "Dünnes Glas in Formaten von drei auf vier Metern bruchsicher zu fertigen und zu biegen, ist eine Herausforderung, der wir uns derzeit stellen", sagte Seel.

Zugleich betonte er die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Forschung: "Wir sind hier sehr weit – und müssen uns international, auch im Vergleich zu China, nicht verstecken."

Nachwuchssorgen in der Branche

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit prägt das Netzwerk auch auf Unternehmensebene. Fevzi Dörkardes, Geschäftsführer von Glas Gschwendtner, und Daniel Zitto, der sein Familienunternehmen bereits in vierter Generation führt, betonen: "Austauschmöglichkeiten und Unterstützung im Alltag sind für uns entscheidend."

Trotz zahlreicher positiver Entwicklungen bleibt die Nachwuchsgewinnung eine zentrale Herausforderung. Mit Sorge blicken viele Branchenvertreter den Angaben zufolge nach Österreich, wo die Berufsausbildungen der Glaser und Flaschner zusammengelegt wurden. "Hier geht wertvolle Fachkompetenz verloren", geben mehrere Mitglieder zu bedenken.

Fortbildungen und Dokumentation geplant

Dass sich das Netzwerk innerhalb eines Jahres bereits etabliert hat, zeigt auch die Anerkennung der Architektenkammer Sachsen: Eine von den Glaslotsen organisierte Fortbildung unter dem Titel "Glas und Architektur", die im Januar stattfindet, erhielt eine Zertifizierung mit fünf Fortbildungsstunden.

"Wir merken, wie wichtig es geworden ist, Wissen zu bündeln und zu teilen", so das Fazit aus dem Netzwerk. Um die Themen rund um Glas, Glasherstellung und die beteiligten Betriebe einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, planen die Glaslotsen für das kommende Jahr die Produktion einer Dokumentation, die die Vielfalt und Innovationskraft der Branche sichtbar machen soll.