40 Tage hatten Neuankömmlinge in der mittelalterlichen Handelsmetropole Venedig gleich hinter der Lagunenpforte auf der Insel St. Maria di Nazareth (später San Lazaro) auszuharren. Zeigten sie keine Anzeichen von z.B. Pockenbefall oder anderen Seuchen, setzten sie danach Reise und Geschäftstätigkeit fort. Dass gleichwohl haufenweise Epidemien aus dem Orient gemeinsam mit Geschmeide und Gewürzen in Europa eingeschleppt wurden, ist so unbestreitbar wie die Tatsache, dass das nicht dazu führte, Handelsrouten wieder zu schließen. Auch für das Gegenwartsproblem Corona werden Rezepte aus der Vergangenheit keine Lösung bieten; selbst wenn Globalisierungsskeptiker jetzt Hochkonjunktur haben (zumindest die). Die Weltwirtschaft ist engmaschig vernetzt, Spezialisierung und stark unterschiedliche Produktionsbedingungen prägen die Supply Chains. In unserem schönen Nachbarland, der Schweiz, ist das dieser Tage besonders offensichtlich. „Wir werden in den kommenden Monaten mehrere Pleiten von Schweizer Fensterbauern sehen“, sagte Alexander von Witzleben vom Wertbau-Käufer Arbonia auf der Bilanz-PK des Gebäudezulieferers Ende Februar – und weiter: „In der Schweiz ist es kaum mehr möglich, im Fensterbau Geld zu verdienen.“ Bitter: Tags darauf bestätigte ihn der Fall Swisswindows, das Unternehmen in Mörschwil muss Konkurs anmelden. Wie das St. Galler Tagblatt meldet, divergierten die Löhne für Fabrikarbeiter zwischen dem früheren EgoKiefer-Produktionsstandort Altstätten (115.000 CHF), der heutigen Fertigung in Langenwetzendorf/Thüringen (umgerechnet 4 2.000 CHF) und Fensterfabriken in der Slowakei und in Polen (weniger als 20.000 CHF) um das knapp Drei- bis Sechsfache (!) – wer rechnen kann, sieht: Wenn es gelingt, dort die erforderlichen Qualitätsstandards zu implementieren, wird es weiter in Richtung Osten gehen, zumindest mit dem Massengeschäft – Subventionen hin oder her. In der Glasbranche ist die Lage nicht viel anders; wo kürzlich noch die Wichtigkeit der eigenen Veredelungsbetriebe beschworen wurde, werden heute (Sie finden einen Bericht in dieser Ausgabe) Kapazitäten veräußert und teilweise stillgelegt. Wie gesagt: Kundennähe und persönliche -kontakte, wie sie das Geschäft der Handwerksbetriebe prägen, sind da Gold wert; im großen Stil dagegen gilt es, wie beschrieben, z.B. Swissmade Know-how mit attraktiven Standortfaktoren zu verbinden und mit möglichst sinnvollem Ressourceneinsatz das bestmögliche Endprodukt für den Kunden zu wirtschaftlichen Bedingungen für den Lieferanten zu fertigen. Corona wird daran nichts ändern; ebenso wenig wie an der Fragwürdigkeit manch vermeintlicher sozialpolitischer Großtat – Stichwort Standortfaktoren: Schnell werden aus Nutznießern kurzfristiger Lohnsteigerungen Leistungsempfänger, zulasten späterer Generationen.
Noch bis 2. Juli stimmen Sie auf www.gff-magazin.de unter folgenden Vorschlägen bereits fürs große Wunschthema in der Septemberausgabe ab.
1. Fenster, warum nicht mal aus Reisschalen: Ob Finstrals ForRes, thermomodifiziertes Holz oder GFK – wir zeigen mögliche Materialalternativen auf.
2. An der Belastungsgrenze: Was halten Beschläge aus, wo wird es gefährlich? GFF recherchiert bei der herstellenden Industrie und Profianwendern.
3. Function follows form: Was Fassaden heute leisten und wie das mit extravaganten gestalterischen Ansprüchen zusammengeht – zum Staunen.
Ihr
Reinhold Kober
