Treffen sich ein britisches, ein bayerisches und ein japanisches Motorrad – eines streikt: welches? Nein, Spaß beiseite, bei der gemeinsamen Motorradausfahrt mit den haupt- und ehrenamtlichen Spitzenvertretern des GFF Baden-Württemberg gab es eine ganze Menge inhaltlicher Themen.
Bei wahrlich schweißtreibenden Temperaturen trifft sich das Quartett auf zwei Rädern (Waldemar Dörr, seine Frau Kathleen, LIM Jürgen Sieber, Reinhold Kober von der GFF ) spät vormittags bei Fenster-Striegel in Bierstetten. Der Mitgliedsbetrieb der Innung Bodensee-Oberschwaben fertigt mit 45 Mitarbeitern Elemente in den Rahmenmaterialien Holz, Holz/Alu, PVC, Aluminium; Firmengründer Otto Striegel, Seniorchefin Angelika Schlick und Glasermeister Alexander Wild geben Einblick in einen leistungsstarken Betrieb, der zuletzt in eine große Conturex investierte, einst als einer der ersten handwerklichen Produzenten die Zertifizierung für ein Passivhausfenster vom PHI erhielt sowie für ein Priesterseminar 400 Holzfenster nach Paris lieferte. Übrigens: Es ist spannend zu sehen, wie attraktiv die Mitgliedschaft in einem Fachverband (zusätzlich zur Innung) sein kann, als Initiator Jürgen Sieber die Verantwortlichen über das exklusiv den GFF BW-Betrieben zur Verfügung stehende Fensterbautool und hier insbesondere das Programm für die Reparaturverglasung informiert. Wohl dem, der solche Argumente auf seiner Seite hat. Ansonsten überall das gleiche Bild: „Das darf doch nicht sein“, berichtet Angelika Schlick von einer Kundenklage, als nach 15 Jahren der Beschlag nachgestellt werden musste. Als sie entgegnete, ein Auto werde jährlich gewartet und zeige doch viel früher Verschleiß, habe sie Schulterzucken geerntet: „Ja, das ist doch ein Auto.“ Mit einem solchen samt Anhänger hat Alexander Wild einst bibbernd sein später preisgekröntes Meisterstück – eine edle Ganzglasecke als Schiebetür – an die Karlsruher Akademie verfrachtet; heute steht das Vorzeigestück, mit dem er damals auf Platz eins seines Jahrgangs landete, in der edlen, luftigen, 400 Quadratmeter großen Ausstellung von Striegel-Fenster – und damit stellvertretend für das gestalterische Potenzial des Handwerks.
Genau das gilt im übertragenen Sinn für den Fachverband Glas Fenster Fassade Baden-Württemberg ( GFF BW); Hauptgeschäftsführer Waldemar Dörr plaudert beim GFF-Termin aus dem Nähkästchen: „So“, erinnert sich der Glasermeister mit reichlich Industrieerfahrung, habe der Auftrag an ihn beim Amtsantritt 2013 gelautet, „so dürfen Sie nicht weiterhaushalten, sonst gibt es uns in drei Jahren nicht mehr.“ Was hat er strukturell geändert? Kosten kamen auf den Prüfstand, von der Webseite bis zum Kopieren, nicht zuletzt er selbst trägt in der Doppelfunktion an Akademie und Geschäftsstelle zur personellen Konsolidierung bei, seitdem werden wieder regelmäßig Rücklagen gebildet. Wohl aus dieser Erfahrung heraus, so stellt es sich im informellen Austausch dar, lautet der Tenor unter den Mitgliedern, was die vom BIV geforderte Beitragserhöhung angeht: Wir würden vielleicht mehr bezahlen, haben aber grundsätzliche Bedenken gegen die Leistungsfähigkeit und die Aktualität der Strukturen am BIV. Das ist wie gesagt die Tendenz, eine Innung hat sehr wohl signalisiert, dass sie die Erhöhung ohne weitere Einschränkungen mitgehen würde.
Im Hauptamt sind jedenfalls nach GFF-Informationen in den nächsten Jahren keine Änderungen zu erwarten, was die Situation in Hadamar betrifft. So gesehen dürfte nicht nur in Baden-Württemberg die Mitgliederversammlung am 18. und 19. Oktober mit Spannung erwartet werden, zu der die GFF-Redaktion mit zwei Personen vor Ort sein wird. Bleibt noch das Thema Asbest: Auch hier gibt es insbesondere in Hinblick auf die Nachbargewerke sehr heterogene Rückmeldungen zum Vorstoß aus Nordrhein-Westfalen, wo erstmals ein Verfahren für den Ausbau von Verglasungen mit asbesthaltigem Kitt im Glasfalz beschrieben wurde.
Stichwort: Einhausung
Auch deshalb und in losem Austausch mit dem bayerischen Verband entwickelte der GFF BW eigene Aktivitäten (siehe Ausgabe 7-8/19, Seiten 28 f.) wie das so genannte Stuttgarter Verfahren, bei dem der Verarbeiter mit der BEPo einen Keil aus dem alten Rahmen schneidet, über den dann das neue Element in die Laibung gesetzt wird; aber eben ohne diese zu beschädigen. Welchen Ausgang die sog. Asbestgespräche nehmen, zu denen seitens des Verbands die Glasermeister Jan Eiermann und Thomas Wagner im September nach Berlin reisen, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Allerdings hat die Bundesregierung schon einen Folgetermin für das Frühjahr angesetzt. Tatsächlich hat das Ganze eine politische Dimension, die vielleicht auch dem Glaserhandwerk zugutekommt: Würden die Vorgaben für einen Umgang mit der einstigen Wunderfaser so streng formuliert, dass sie Bauherren abschrecken könnten – Stichwort: Einhausung – eine weitere Absenkung der ohnehin mauen Sanierungsquote stünde zu befürchten.
Zur Sache, Schätzchen
Neben dem Starttermin bei Striegel in Bierstetten zur Sache stellt Landesinnungsmeister Jürgen Sieber für seine Touren stets eine kulturelle Agenda auf, die diesmal das Chorgestühl der Kirche St. Magnus sowie das prächtige Deckengemälde in der Bibliothek der früheren Reichsabtei der Prämonstratenser (beides Bad Schussenried) beinhaltet. Bleibt zu hoffen, dass es noch ein wenig dauert, bis zur Säkularisation des Handwerks in der heutigen Form; in der Bibliothek sind die Protestanten nicht ohne Überheblichkeit als trollige Witzfiguren dargestellt. Das Lachen verging den Urhebern schnell.