Was sich mit der neuen Meisterprüfungsordnung ändert Kundenaufträge umsetzen: Das müssen Glasermeister können

Das Glaser-Handwerk ist ein zulassungspflichtiges Handwerk, die bestandene Meisterprüfung ist Voraussetzung für die selbstständige Berufsausübung. Seit 1. Juli gilt eine neue Meisterprü-fungsordnung. GFF hat die Hintergründe recherchiert und viele Stimmen zusammengetragen.

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    © Ausbildungsstandorte für Glasermeister in Deutschland
    Deutschlandkarte mit den Ausbildungsstandorten und den Absolventenzahlen (2014)
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    Das Meisterstück von Dominik Lang zeigt, wie viel fachliche Handwerkskunst in einer Abschlussprüfung steckt.

Nach 40 Jahren ist es so weit: Das Glaser-Handwerk mit seinen zirka 4.270 selbstständigen Betriebenund derzeit 1.300 Auszubildenden hat seit Anfang Juli 2015 eine neue Meisterprüfungsordnung. „Nicht nur der technologische Fortschritt, sondern ebenso ein zeitgemäßes Prüfungsdesign erfordern eine neue Regelung für den Nachweis der meisterlichen Befähigung im Glaser-Handwerk“, teilt das Bundesinstitut für Berufsbildung im Auftrag des zuständigen Bundesministeriums für Bildungund Forschung via Prüferportal mit; das ist eine bundesweite Plattform für alle am Prüfungsgeschehen in der dualen Ausbildung Beteiligten.

Das ändert sich

In Abgrenzung von der Altregelung vom 9. Dezember 1975 trägt die neue Meisterprüfungsordnung laut Adrian Toschev vom ebenfalls involvierten Bundesministerium für Wirtschaftund Energie „einem ganzheitlichen sowie handlungsorientierten Prüfungsansatz Rechnung. Es steht nicht mehr die technisch akzentuierte Stückerstellung (das sog. Meisterstück) im Mittelpunkt der Meisterprüfung, sondern der reale oder fiktive Kundenauftrag“. Diesen müssen die angehenden Meister in Form der Module Planung, Durchführung, Kontrolleund Dokumentation in einem sog. Meisterprüfungsprojekt abbilden. Toschev: „Mit dem neuen Prüfungsdesign wird den realen Arbeitsprozessen in einem Glaserbetrieb Rechnung getragen. Damit ist die Meisterprüfung näher an der vom Prüfling erlebten Realität, d.h. die Prüfung ist wirklichkeitsnahund prüflingsfreundlicher, ohne jedoch einen Qualitätsverlust hinzunehmen.“

Der Qualitätsanspruch bei einem Prüfungsprojekts hat laut Toschev „eine andere Kompetenzbreite als bei der bloßen Stückerstellung“. Aus diesem Grund seien ab sofort die Dozenten sowie Prüfungsausschüsse durch entsprechende Anpassungen in der Vorbereitungund Prüfung gefordert; so wie Andreas Richter, Glasermeisterund Fachlehrer an der GFF-Akademie in Karlsruhe. Für Richter war es „höchste Zeit, die Prüfungsordnung an die heutigen Anforderungen anzupassen“. Er erwartet sich „ein breiteres Wissensspektrum“ von den Absolventen, das sie „flexibler einsetzen“ können sollen. Aufgrund immer strenger werdender Verordnungen wie der EnEV sei es sinnvoll, energetische Eigenschaften mit in das Meisterstück einzubinden. Zudem  müssten die Mitarbeiter heutzutage flexibler einsetzbar sein. Die Tatsache, dass die Prüfung nicht mehr nur die praktisch auf den Rahmenund das Glas bezogenen Tätigkeiten abfrage, steigert nach Ansicht Richters die Kompetenz, um Konstruktionen kundenorientiert zu planenund zu verkaufen. „Das erhöht die Beratungsqualitätund beugt Ausführungsfehlern vor.“ Auch Richter sieht jetzt die Meisterschulen in der Pflicht, die kommenden relevanten Themen mit in den Unterricht einzubinden. Für seine Fachschule für Glas-, Fenster-und Fassadenbau in Karlsruhe verspricht er, „schon heute alle aktuellen Themen, unabhängig von derund zusätzlich zur Meisterprüfungsordnung in den Unterricht aufzunehmen“.

Angesichts der Herausforderung, einen kompletten Auftrag in Kombination mit einem Meisterstück umzusetzen, ist sich Martin Gutmann, Bundesinnungsmeister des Glaserhandwerks, „nicht sicher, ob wir einige Kandidaten damit nicht überfordern“. Ganz generell sieht er eine Tendenz, die Praxis zugunsten der Theorie zurückzufahren. Ein Beispiel sei die Möglichkeit für Glaser, direkt nach ihrer Gesellenprüfung den Meister draufzusetzen. Dafür fehle vielen Kandidaten die Praxiserfahrung, die nach Ansicht Gutmanns „unverzichtbar ist, wenn ältereund erfahrene Gesellen den künftigen Meister im Betrieb akzeptieren sollen“. Dazu bräuchten Meister eigene Praxiserfahrung, um die Umsetzbarkeit der Theorie zu beurteilen. Der BIM folgert: „Im Ergebnis könnten die neuen Regeln der Qualität des Meistertitels abträglich sein.“ Er kritisiert, dass die Vorlage zur Meisterprüfungsordnung lange auf Eis gelegen habeund Arbeitnehmervertreter lange nicht mit dem Handwerk gesprochen hätten.

Glasergesellen, die die Meisterprüfung erfolgreich ablegen, erwerben den Großen Befähigungsnachweis im traditionsreichen Glaserhandwerk. Die Handwerksstatistik weist laut Bundesministerium für Wirtschaftund Energie für das Jahr 2014 eine Zahl von 65 Absolventen aus. Nach unseren Recherchen bei den Trägern der Glasschulen gab es mehr bestandene Meisterprüfungen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die angehenden Meister die Teile IIIund IV der Prüfung an ihren jeweiligen Heimat-Handwerkskammern ablegen. „Somit können wir also nicht mitteilen, wie viele Meisterschüler tatsächlich 2014 die Meisterprüfung in allen Teilen abgelegt haben“, antwortete auf unsere Recherchefragen etwa Matthias Heinrich, stellvertretender Geschäftsführer des Landesinnungsverbands des Bayerischen Glaserhandwerks.

Das sagen die Prüfer

Und wie beurteilen die Prüfer die Neuerungen? Für Jürgen Simon, Prüfer für den GFF Baden-Württemberg, wird sich eigenen Aussagen zufolge „insgesamt nicht so viel ändern“. Er fordert seine Prüferkollegen allerdings schon jetzt dazu auf, „gemeinsam ein einheitliches Bewertungssystem zu entwickeln, weil die neue Projektarbeit in Ergänzung des Meisterstücks Prüfungsfragen aus mehreren Fächern kombiniert“. Dabei sollten sämtliche Kandidaten nach den gleichen Maßstäben bewertet werden. „Darin liegt sicherlich die größte Herausforderung.“ Grundsätzlich findet Simon die neue Abschlussprüfung mit der Umsetzung eines kompletten Projekts von der Angebotserstellung bis zum Abschluss „nicht schlecht“. Er verweist darauf, dass alle Beteiligten noch bis Anfang 2017 Zeit hätten, ein passendes Bewertungssystem zu entwickeln.

Sein Prüferkollege im GFF Baden-Württemberg, Jürgen Sieber, zeigt sich im GFF -Gespräch indesnicht so glücklich mit der ganzheitlichen Prüfung, die mehrere Fächer in einer umfassenden Prüfungsfrage kombiniert“. Die Neufassung bedeute auf der einen Seite mehr Aufwand für die Prüfer, „um in Abstimmung eine Frage mit einem roten Faden zu formulieren“. Für die Schüler sei die neue Methode nachteilig, weil sie „in einer stressigen Situation der Prüfung nicht schrittweise einzelne Aufgaben abhandeln können, sondern ständig Bereiche übergreifend denken müssen“. Möglicherweise dauere die Prüfung drei statt bisher zwei Tage. Sieber sieht das Meisterstück zugunsten der ganzheitlichen Aufgabe abgewertet. „Das Meisterstück spielt jedoch aus meiner Sicht eine sehr wichtige Rolle, weil es zur Weitergabe von speziellem handwerklichem Wissen dient, den Wettbewerbsgedanken fördertund die Kandidaten damit ihre Leistungsfähigkeit beweisen.“ Von diesem Ereignis zehre ein Absolvent ein Leben lang. „Deshalb muss das Meisterstück bleiben.“ Er kritisiert, dass Gesellen direkt nach ihrer Gesellenprüfung mit der Weiterbildung zum Meister loslegen könnten. Für den Experten geht damit „die Idee der Lebenserfahrungund der Qualifikation im Beruf als Aspekt dieses Meistertitels verloren“.

Für den Ausschussvorsitzenden des Berufsbildungsausschusses und stellvertretenden Landesinnungsmeister von NRW , Udo Pauly , steht fest: „Mit der novellierten Meisterprüfungsordnung betreten wir Neuland.“ Die Prüfungsausschüsseund die kommenden Meistergenerationen stünden vor neuen Herausforderungen. Für Pauly ist es keineswegs verwunderlich, dass die veränderten Anforderungen, „die heutzutage nicht nur im technologischenund technischen Bereich gestellt werden, sondern darüber hinaus ebenso den gesellschaftspolitischen Part des Handwerksmeisters in der Praxis bestimmen, quer durch alle handwerklichen Gewerke konsequent managementorientiert ausgelegt sind“. Ähnlich wie GFF-Akademie-Fachlehrer Richter fordert er, „die bundesweiten Vorbereitungslehrgänge zukünftig auf ein einheitliches Handlungsniveau zu bringen, indem die zu vermittelnden Kompetenzenund Lerninhalte einheitlich festgeschrieben werden“. Nur dann gelinge die erfolgreiche Umsetzung der neuen Prüfungsanforderungen; so stünden qualifizierte Glasermeister künftig dem Glaserhandwerk zur Verfügung.

Stimmen aus der Branche

Roberto Liardo von Reli Glastechnologie, Mitglied der Climaplus Securit-Partner, freut sich, „dass die Handwerker-Meisterprüfungsordnung sich endlich an realistische Betriebsabläufe anpasst“. Er berichtet im GFF -Gespräch von einem Mitarbeiter in seinem Unternehmen, der aktuell nach alter Prüfungsordnung geprüft werde,und stellt fest: „Wir merken, dass das nicht mehr zeitgemäß ist.“ Prof. Ulrich Sieberath verweist darauf, dass die Fenster-und Fassadenbrancheund damit auch das Glaserhandwerk einem starken Wandel unterliegen. Der Institutsleiter des ift Rosenheim ist sicher: „Erfolgreiche Handwerksbetriebe können nur durch die Erfüllung individueller sowie anspruchsvoller Kundenwünsche im Vergleich zu günstigen Anbietern von Standard-Bauteilen bestehen.“ Dazu seien nicht nur technisches Know-how notwendig, sondern ebenso Kompetenzen bei Kundenberatung, Angebotswesen, Kostenmanagement, Planung sowie der effizienteund sichere Umgang mit baurechtlichenund normativen Anforderungen. „Dies beinhaltet auch den Nachweis einer fachgerechtenund normkonformen Ausführung mittels einer geeigneten technischen Dokumentation. Deshalb ist die Reformierung der Meisterprüfungsordnung der richtige Schritt zur Stärkung der Meisterausbildungund des Meistertitels als Zeichen von Fachkompetenzund Qualität.“

Für Stefan Kieckhöfel, Hauptgeschäftsführer des Bundesinnungsverband des Glaserhandwerks (BIV) , ist klar: „Die Verantwortlichen sehen den Handwerksmeister von morgen vorrangig als Problemlöserund Entscheider.“ Die neue Meisterprüfung sei ein Schritt „weg von der ausschließlichen Reproduktion des Fachwissens“. Zu dem Anforderungsprofil gehöre es nun, die Lösung repräsentativ technischer, betriebswirtschaftlicherund pädagogischer Praxisprobleme in der handwerklichen Unternehmensführung zu verstehen. „Das ist sicherlich auch der Gleichstellung mit dem Bachelor geschuldet.“