Glasermeister Hans Jürgen Arnsmann muss aus seiner Werkstatt in Friedenau in Berlin raus. Für den Handwerker ist das kein Grund, in Rente zu gehen – im Gegenteil: Er sucht nach einer neuen Räumlichkeit, um weiterzuarbeiten. Der gebürtige Essener ist 78 Jahre alt.
„Friedenauer Institution sucht neue Werkstatt“, schrieb schon der Tagesspiegel im Mai 2018. Anfang November titelte die Berliner Morgenpost „Glaser (78!) will weiterarbeiten, findet aber keinen Laden“ und am 28. November war sogar der Fernsehsender rbb bei dem Glaser zu Besuch, der in Berlin mit 78 Jahren eine neue Werkstatt sucht: Hans Jürgen Arnsmann.
„Mittlerweile bin ich in Berlin bekannt wie eine bunte Kuh.“
„Mittlerweile bin ich bekannt wie eine bunte Kuh“, sagt der Glasermeister und klingt fröhlich, obwohl er seine Glaserei demnächst wohl vorerst aufgeben muss. Zum Jahresende 2018 endet sein Mietvertrag. Er muss aus dem Gebäude in Berlin, Friedenau, raus, indem er seit fast 40 Jahren Bilderrahmen und Verglasungsarbeiten ausführt. Der Grund ist ein Eigentümerwechsel.
Neue Räumlichkeiten gesucht
Seitdem versucht der 78-Jährige, eine neue Bleibe zu finden. Die Suche blieb bisher erfolglos (Stand: 4. Dezember 2018). „Mir würde die Hälfte der Fläche, die ich gerade habe, reichen. Aber sie sollte in Friedenau sein, die Glaserei gibt es schon seit 100 Jahren und sie gehört einfach in diese Gegend“, sagt Arnsmann. Wenn er die passenden Räumlichkeiten findet, würde er aber nur noch Bilderrahmen herstellen. „In den zurückliegenden Jahren habe ich etwa 80 Prozent meines Geschäfts mit Bilderrahmen gemacht. Nur 20 Prozent machten Arbeiten am Glas aus“, sagt Arnsmann. „Jetzt soll aber alles etwas kleiner und übersichtlicher werden.“ Bis zu diesem Zeitpunkt führte der Glasermeister Reparaturverglasungen und kleine Fenster in der näheren Umgebung zum Betrieb aus. „Ich habe keine Lust mehr, mit dem Auto hin und her zu fahren“, sagt Arnsmann. Die Glasarbeit sei körperlich langsam zu anstrengend.
Keine Lust, aufzuhören
Von Teilen seiner Arbeit trennte sich Arnsmann bereits am 1. Dezember 2018, um die Räumung bzw. den Umzug einfacher zu gestalten. Er öffnete an jenem Samstag seine Schatzkammer und verkaufte Bilder, Drucke, Rahmen und andere Kostbarkeiten. „Der Laden war voll“, freute sich Arnsmann. Es klingt nach einem gebührenden Abschied, auch wenn der 78-Jährige seine Arbeit noch nicht niederlegen will. „Ich habe einfach keine Lust, aufzuhören“, sagt er. Seine Arbeit bereitet ihm Freude. „Ich durfte mit vielen Künstlern zusammenarbeiten“, sagt er. Mit Kunst befasst Arnsmann sich gerne – und auch damit, ihr einen schönen Rahmen zu geben. In den vergangenen Jahren hat der Glaser nur an kleineren Rahmen gewerkelt. Doch erinnert er sich gerne daran, wie er z.B. eine Ausstellung zu märkischen Landschaften für das Museum der Havelländischen Malerkolonie in Ferch in Brandenburg bestückte.
Ein Rückblick
Nach Berlin und an seine heutige Arbeitsstätte gelangte der gebürtige Ruhrgebietler über Umwege. Die Ausbildung zum Glaser absolvierte Arnsmann in Essen, seiner Heimat. Ausgesucht hat er sich die Profession aber nur bedingt.
„Wir waren zu Hause sechs Jungs und wurden irgendwountergebracht. Wichtig wares, irgendetwas zu lernen.“
„Wir waren sechs Jungs, da wurde man irgendwo untergebracht. Die Hauptsache war, man hat irgendetwas gelernt,“ erinnert sich Arnsmann. Bereut hat er die Lehre aber nicht. „Ich habe mir selbst etwas Schönes daraus gemacht. Am Anfang, als es nur um Glasarbeiten ging, war mir das etwas zu langweilig“, sagt der Handwerker. Doch suchte er sich Arbeiten in seinem Gewerk, die ihn mehr packten. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Zürich zog er nach Bayern, genauer gesagt nach Freising bei München, um sich mit der Bleiverglasung zu beschäftigen. Dort wirkte er an der Bleiverglasung für eine Barrockkirche mit. „Die Arbeit fand ich gut, nur bin ich mit den Bayern nicht ganz warm geworden“, sagt Arnsmann.
Also zog es ihn 1964 erneut in eine andere Stadt: Berlin. „Da habe ich mich wegen der Mauer auch erst eingeengt gefühlt“, sagt der Glaser. Doch blieb er und fand eine Anstellung in einer Glaserei. Kurz danach besuchte er den Meisterkurs und fand – neben der Bleiverglasung – ein neues Steckenpferd. „Ich habe einen Mitarbeiter aus dem Betrieb kennengelernt, in dem ich jetzt arbeite“, sagt Arnsmann. „Von dem Kollegen lernte ich, wie man Bilderrahmen herstellt. Ich hatte aber nur wenig Zeit, von ihm zu lernen und ihm über die Finger zu schauen, denn er zog kurz danach nach München.“ Aber Arnsmann hat es geschafft, seitdem gehören Bilderrahmen zum Leben des Glasermeisters. 1979 hat er den heute fast 100 Jahre alten Betrieb übernommen. „Ich kaufe Rohleisten und bearbeite sie selbst. Da steckt viel Handarbeit drin, um den Rahmen perfekt auf die Bilder abzustimmen“, erzählt der Glasermeister von der Arbeit.
Er gibt nicht auf
Für ein paar weitere Jahre hat Arnsmann auch noch Kraft. „Ich suche weiterhin nach geeigneten Räumlichkeiten“, sagt der Glasermeister. Wie lange er bereit ist, zu suchen? „Bis ich was gefunden habe.“
„Wie lange ich suche? Bis ich die Räumlichkeiten gefunden habe.“
Eine Frist hat er sich nicht gesetzt. Wenn er in absehbarer Zeit keine neue Unterkunft gefunden hat, lagert er sein Material ein, bis sich etwas ergibt. Fit genug ist der Glasermeister in jedem Fall. Seit 30 Jahren fährt er Mountainbike. „Das ist ein wichtiger Ausgleich für mich zur Arbeit. Ich steh mir jeden Tag die Füße in den Bauch, die brauchen eine gute Durchblutung“, sagt Arnsmann.