Architektenlieblinge schlanke Profile

Überholen auf der Schmalspur

Seit jeher ein „brennend interessantes Thema“ seien Profile mit schmalen Rahmenansichten, sagt Tim Driedger aus Frankfurt. Im Gespräch mit GFF erläutert der Architekt, welche Wünsche er an die Fensterhersteller für die weitere Entwicklung hat und worauf es bei der Planung und Umsetzung ankommt – inklusive Einblick in die Architektur-Geschichte.

Bild: Finstral
Wo ist der Rahmen? Bei den Nova-line-Flügeln von Finstral bietet von außen eine komplette Ganzglasop... mehr

GFF: Wie wichtig sind Ihnen als Architekt schmale A nsichten? Woher kommt der Wunsch nach schm alen Profilen?

Driedger: Für uns als Architekten sind schmale Rahmenbreiten und schmale Ansichten seit jeher ein brennend interessantes Thema. Der Ursprung dieses Interesses liegt schon in der Architektur-Historie begründet – von der Gläsernen Kette über Bauhaus bis hin zum International Style lassen sich zahlreiche Beispiele finden, die maximale Transparenz thematisieren. Mehr noch: Es geht um das möglichst große Nicht-Vorhandensein von zwischenraumbildenden Bauteilen – also Wänden, Decken, Fußböden.

Dieser Wunsch – fast schon: diese Sehnsucht – von uns Architekten liegt darin begründet, dass eine starke Einbindung der Umgebung und der Außenräume in die räumliche Wirkung erfolgen kann. Man denke nur an die berühmten Fotos von Villen über dem Lichtermeer von Los Angeles oder nur an Häuser mit Meerblick. Im Gegensatz zu dem trutzburg-haften Ausschließen der Natur im 19. Jahrhundert, mit sehr determiniertem Innen und Außen, konnte durch die technischen Möglichkeiten – größere Glasflächen und Weglassen von Sprossen – diese Offenheit mit einem klimatischen Gebäudeabschluss und dem kontrollierten Zutritt von Mensch und Tier verbunden werden.

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Metzger
Das System Energeto 5000 View von Aluplast überzeugt ebenfalls mit schmalen Ansichten.

Nicht zuletzt motiviert von architektonischen Beispielen aus Gebieten mit moderaterem Klima, kam auch in Mitteleuropa der Wunsch auf, möglichst gläsern zu arbeiten. Auch die Erinnerung an schlanke Stahlprofile, wie sie in älteren Industriebauten verwendet wurden, aber mit zeitgemäßen Wärmeschutzanforderungen nicht vereinbar waren, trieb die Forderung von uns Architekten an. Wenn man sich nur an Joseph Paxtons Glaspalast erinnert – und sich diesen alternativ mit Kunstoffrahmen-Fenstern der späten 1980er-Jahre vorstellt – ahnt man eventuell die Tiefe dieses Wunsches. Meiner Erinnerung nach ist der Wunsch nach schmalen Rahmen also proportional zu den wachsenden Anforderungen nach thermischer Trennung, Schall- und Einbruchsschutz laut geworden. Je höher hier die Anforderungen wurden, desto breiter die Rahmen und desto größer unser Wunsch nach mehr Glas.

Die solaren Einträge sind tatsächlich ebenfalls – de facto allerdings nur – ein Argument für schmale Fensterrahmen. Mein sarkastisches "nur" begründet sich darauf, dass dies bei den bauordnungsrechtlich geforderten Rechenverfahren lediglich eine sehr untergeordnete Bedeutung hat – und das Argument daher lediglich bei Bauherren von selbst genutzten Immobilien zieht.

Mehr noch: Die Bauordnung fordert für Aufenthaltsräume zur Belichtung ein auf Raumflächen bezogenes Mindestmaß an Fensterfläche, aber definiert leider nur die Rohbauöffnung, so dass das tatsächliche Glas-Maß, das für die eigentliche Belichtung ausschlaggebend wäre, gesetzmäßig überhaupt nicht bedeutsam ist – tatsächlich aber eine erhebliche Bedeutung hat.

Welche Entwicklung beobachten Sie beim Produktangebot?

Das Produktangebot ist in meiner Wahrnehmung in den vergangenen zwanzig Jahren zunächst zögerlich, in letzter Zeit erfreulich schnell gewachsen. Waren zunächst nur einzelne Bastler, Edelschmieden oder Nischen-Anbieter an der Entwicklung beteiligt, die unter Architekten als Geheimtipps ausgetauscht wurden, bieten mittlerweile auch viele der etablierten Großen Produkte mit schmaleren Ansichten an. Schön ist, dass Zulassungen und Kombinationsmöglichkeiten mit angrenzenden Bauteilen (Verdunkelung, Sonnenschutz, Entwässerungsrinnen usw.) teilweise mit bedacht werden, und nicht jedes Mal das Rad neu erfunden werden muss.

Sind sich auch Bauherren des Themas bewusst?

Vor allem private Bauherren fordern schon von sich aus größere Transparenz, Helligkeit, raumhohe Verglasungen und vieles Weiteres, in der Regel verbunden mit Anforderungen an Einbruchsicherheit, Schwellenlosigkeit, Öffenbarkeit, die im Einzelfall nicht erfüllt werden können. Wenn wir über die heute nahezu grenzenlosen technischen Möglichkeiten informieren, sind Bauherren oft begeistert – wenn wir die Kosten benennen, oft enttäuscht. Unsere Hoffnung ist also, dass durch eine größere Verbreitung hier ein attraktiverer Preis entsteht – und wir so vermehrt den Bauherrenwünschen nachkommen können.

Welche Probleme gibt es bei der Planung und Umsetzung, vor allem auch hinsichtlich der Statik?

Grundsätzlich haben Holz-, Alu- und Metallrahmen aus statischer Sicht natürlich Vorteile gegenüber Kunststoffrahmen. Durch die stete Weiterentwicklung sind diese allerdings sehr gering geworden: die heute möglichen Fenstergrößen decken schon ein breites Feld ab. Bei einem Standardfenster merkt man also nicht zwingend himmelweite Unterschiede. Wenn ich allerdings zwei oder mehr Fensterelemente kombinieren muss, sind die Rahmenbreiten von Kunststoffrahmen-Fenstern allerdings teilweise schon noch grausam. Stellen Sie sich eine Hebeschiebe-Tür mit einem Oberlicht vor – oder den Stoß von zwei Öffnungsflügeln, die nicht als ein Element hergestellt werden können – da sind sogar Stahlbetonstützen teilweise schlanker. Teilweise spielen außen die Führungsschienen von Raffstores noch in die Profilansichten hinein, da schrumpft der Glasanteil auf ein trauriges Restmaß.

Ist es schwierig schmale Ansichten und gute U-Werte, Schalldämmung etc. unter einen Hut zu bringen?

Nun, ich würde eher sagen teuer als schwierig. Es gibt ja manche Hersteller, die seidenzart gleitende Schiebefenster mit Passivhaus-Zertifizierung liefern können. Die Kosten schließen ihren Einsatz leider bei 95 Prozent der Wohnbauten aus. Schwierig wird es dann, wenn der Bauherr auch noch volle Verdunkelung, überdurchschnittlichen Einbruchschutz und ähnliches verlangt. Das wird dann irgendwann zur berühmten Quadratur des Kreises und mündet naturgemäß in einen Kompromiss.

Welche Wünsche haben Sie als Architekt an Fensterhersteller für die weitere Entwicklung?

Die Integration der Gebäudetechnik - also Öffnungszustand, Einbruchmeldung usw. wird einen zunehmenden Einfluss haben. Hier wäre es schön, wenn Sensoren als Standard integriert würden. Auch die Kombination mit Lüftungsideen, wie es beispielsweise bei der Spaltlüftung bzw. Parallel-Ausstellung getan wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nahezu unlösbar scheint mir die widersprüchliche Forderung nach Luftdichtheit (Blower Door-Test), Barrierefreiheit (Terrassenausgang für Rollstuhlbenutzer) und Abdichtung (Schwelle nach Flachdach-Richtlinien) in einem Fensterprofil. Hier bin ich gespannt, welche Ideen hierzu reifen werden.

Welche Anmerkungen haben Sie noch zum Thema Schmale Ansichten?

Nicht außer Acht gelassen werden darf unseres Erachtens die unterschiedliche Lebensdauer eines Fensterrahmens gegenüber der umgebenden Wand. Wenn also beim Einbau schon klar ist, dass das Fenster während der Lebenszeit des Hauses mindestens einmal getauscht werden muss, könnte der Anschluss gleich so ausgeführt sein, dass man nicht gleich den ganzen Innenputz bzw. die ganze Fassade erneuern muss. Hier sind der RAL-konforme Einbau und die Lebenszyklus-Betrachtung eines Gebäudes noch nicht in Einklang. Aauch da wird es wohl noch Entwicklungen geben, an denen Architekten und die Industrie gemeinsam arbeiten werden.

 
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