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Fachkräftemangel Studie: In Deutschland fehlen 65.000 Handwerker

Aktuell fehlen in Deutschland im Handwerk zirka 65.000 Fachkräfte, davon allein 54.000 Gesellinnen und Gesellen. Lesen Sie hier, wie groß die Fachkräftelücke in Glasereien ist und warum die Corona-Pandemie beste Werbung fürs Handwerk ist.

Das Handwerk ist zunehmend vom Fachkräftemangel betroffen – weit mehr als andere Branchen. Das belegt die aktuelle repräsentative Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Durch den Fachkräftemangel müssen Verbraucher nicht nur lange Wartezeiten in Kauf nehmen, sondern auch mit fehlenden Leistungen rechnen. Dies gilt ebenfalls für Unternehmen anderer Branchen, die in Wertschöpfungsketten eng mit dem Handwerk verbunden sind.

Imageproblem bei jungen Menschen

Laut der KOFA-Studie sorgte die gute Konjunktur bis ins Jahr 2018 für eine kontinuierliche Steigerung der Arbeitskräftenachfrage. Die Zahl der Arbeitslosen reichte immer weniger aus, um offene Stellen zu besetzen. Dieser Trend bremste sich durch eine konjunkturelle Abkühlung und die Corona-Pandemie zwar ein, allerdings fehlen aktuell in deutschen Handwerksbetrieben immer noch zirka 65.000 Fachkräfte. Der Anteil der offenen Stellen, für die es keine passende Fachkraft gibt, lag im Jahr 2020 mit durchschnittlich 35,9 Prozent deutlich höher als in der Gesamtwirtschaft mit 27,4 Prozent. Mehr als jede dritte Stelle blieb demnach unbesetzt.

Zudem habe das Handwerk bei jungen Menschen noch immer mit einem Imageproblem zu kämpfen. Aktuell können der Studie zufolge 54.000 Stellen für Gesellinnen und Gesellen nicht besetzt werden. Auch durch die Corona-Pandemie verbesserte sich die Engpasssituation kaum. Im Gegenteil – im Bauhandwerk stieg die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften noch weiter. Im Rollladen- und Jalousiebau beispielsweise stieg die Zahl der offenen Stellen zwischen März und Dezember um 25,9 Prozent auf 574. In der Glasveredelung waren im Dezember 131 Stellen unbesetzt – das war ein Anstieg um 40,7 Prozent.

Glasereien: 25 Prozent der Stellen bleiben unbesetzt, zumindest auf dem Papier

Bei Glasereien lag die Fachkräftelücke – also die Differenz aus offenen Stellen und verfügbaren Arbeitslosen – laut der Studie im vergangenen Jahr durchschnittlich bei 258. So viele passend qualifizierte Arbeitslose fehlten, um alle offenen Stellen – im Jahresschnitt: 973 – besetzen zu können. Das heißt: Jede vierte Stelle blieb unbesetzt. Die Zahl ist im Vergleich niedrig: Das SHK-Handwerk beispielsweise verzeichnete laut der Studie eine Lücke von 10.636 (zu besetzende Stellen: 14.434). Mehr als 70 Prozent der offenen Stellen blieben folglich unbesetzt. Weitere Gewerke: Im Metallbau betrug die Lücke 2.126 (offene Stellen: 7.436) – zirka 30 Prozent der Stellen blieben offen, im Rollladen- und Jalousiebau lag die Lücke bei 287 (offene Stellen: 499) – mehr als die Hälfte der Stellen blieb unbesetzt.

Zu beachten: Wie die "Welt am Sonntag" anmerkt, beruht die Berechnung der Fachkräftelücke auf der Annahme, dass jeder arbeitslose Handwerker für freie Stellen im gesamten Land infrage komme, also im Zweifel auch umziehe. Da dem nicht so ist, ist der Mangel in Wahrheit größer.

Meister sind noch schwerer zu finden

Neben der Tatsache, dass die Branche händeringend um Nachwuchs kämpft, sind auch 5.500 Meisterstellen nicht zu besetzen. Zwar werden Meisterinnen und Meister seltener gesucht, sind dann aber besonders schwer zu finden. So gab es im Jahr 2020, trotz Corona-Krise, für jede zweite vakante Meisterstelle bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen, mit denen man diese Stellen hätte besetzen können. "Jugendliche wissen viel zu wenig über die vielfältigen und zukunftssicheren Möglichkeiten im Handwerk. Dort warten auf sie zahlreiche Berufe in allen Zukunftsbereichen und mit Karriereoptionen, die denen eines Studiums in nichts nachstehen", sagt ZDH-Präsident Hans-Peter Wollseifer. Ein Meistertitel sei die denkbar beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit. "Sowohl als Unternehmensnachfolger wie auch als Angestellte werden Meisterinnen und Meister im Handwerk händeringend gesucht. Der Fachkräftebedarf ist riesig."

Attraktiv, verlässlich, krisenfest

Generell hat das vergangene Jahr gezeigt – und das ist ein wichtiges Learning: Handwerk ist krisenfest und damit für junge Menschen eine sichere Option mit Blick auf die Berufsplanung. Die Attraktivität und Verlässlichkeit dieser Branche sollte Jugendlichen verdeutlicht werden, damit das Handwerk weiterhin zukunftsfähig bleibt. "Es ist deutlicher denn je geworden, wie attraktiv und verlässlich Handwerksberufe sind, denn sie bieten auch in Krisenzeiten eine sichere Perspektive. Die duale Ausbildung leistet hier einen wichtigen Beitrag und bleibt der zentrale Weg der Fachkräftesicherung", sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier.

So stehen insbesondere allgemeinbildende Schulen in der Pflicht, noch breiter über die Karriere- und Fortbildungschancen im Handwerk zu informieren. Passend dazu setzt sich der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) bereits seit Jahren mit einer Kampagne für die Imagesteigerung des Handwerks bei Jugendlichen ein.

Die komplette Studie mit interessanten Ergebnissen und Handlungsempfehlungen lesen Sie auf der KOFA-Webseite.

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