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EnEV verschärft Vorgaben für Wärmedämmung Karlsruher Fenster- und Fassadenkongress 2010

70 Teilnehmer haben beim Karlsruher Fenster- und Fassadenkongress am 5. und 6. Februar 2010 hochkarätige Vorträge erlebt. Die Veranstaltung offenbarte überraschende Einblicke.

Das Programm der zweiten Auflage war gespickt mit branchenbekannten Namen; von Multi-Geschäftsführer Ulrich Tschorn (VFF, RAL-Gütegemeinschaft und HolzAluForum) über Jochen Grönegräs, Geschäftsführer Bundesverband Flachglas, bis hin zu Ulrich Sieberath, ift Rosenheim. Sie alle hatten den Teilnehmern die dem Sinn nach gleiche Botschaft mitgebracht: Ohne Qualifizierung und die dauerhafte Bereitschaft, sich über die alle paar Jahre wechselnden, weil von der gerade aktuellen EnEV geforderten Dämmwerte sowie juristisch relevanten
Bestimmungen zu informieren, haben gerade kleinere Verarbeiter kaum mehr Chancen, im Wettbewerb zu bestehen. Ein aktuelles Beispiel ist die im Februar in Kraft getretene CE-Kennzeichnung. Voraussetzung dafür, die zwei Buchstaben an seinen in Verkehr gebrachten Gütern aufbringen zu dürfen, sind nach Aussage von Rechtsanwalt Prof. Christian Niemöller aus Frankfurt Ersttypprüfung, werkseigene Produktionskontrolle und Herstellererklärung. Der Gesellschafter der Kanzlei des Jahres für privates Baurecht 2009 riet eindringlich dazu,
die Schlussdokumentation bei der Abgabe zu überreichen und sich den Erhalt quittieren zu lassen. Doch der Jurist hatte auch gute Nachrichten an die Gewerbliche Akademie für Glas-, Fenster- und Fassadentechnik nach Karlsruhe mitgebracht. So nannte er die noch viel zu wenig bekannte Änderung des Bauforderungssicherungsgesetzes vom 1. Januar 2009 „nichts weniger als einen Paradigmenwechsel“ in der bundesdeutschen Rechtsprechung. Was verbirgt sich dahinter? Aus Sicht des Haupt- oder Generalunternehmers (GU) ist das die
Baugeldverwendungspflicht, falls er denn vom Bauherrn welches in die Hand kriegt; die ist – selbstverständlich – genauestens geregelt. Und zwar nach dem Grundsatz: „first in first serve“. Das heißt: Ausbezahlt wird als Erstes der Nachunternehmer, der sein Gewerk im Bauvorhaben als Erstes erledigt. Dann folgt der nächste Kollege und so weiter. Diese Entscheidung habe zur Folge, dass Verarbeiter nicht mehr in die Röhre schauten, während der GU vom Baugeld seine Urlaubsreise finanziere oder andere Verbindlichkeiten aus einem zweiten Bauvorhaben bediene. Der ständige Berater des VFF wies darauf hin, dass es sich bei Zuwiderhandlungen mitnichten um Kavaliersdelikte handle: Das Strafmaß reiche bis zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren.

Welche Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung bestehen, zeigte der Vortrag von Architektin und Gebäudeenergieberaterin Rosina Riegler. Haben viele Fensterhersteller das Gefühl, hinsichtlich Wärmedämmwerten an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bzw. der des Produkts zu sein, so beschied die Referentin ungeschminkt: „Betrachtet man das Gebäude als Ganzes, schneiden Fenster energetisch am schlechtesten ab. Nach meinem Kenntnisstand wäre bei einem Materialmix aus vorlaminierten PVC-Profilen mit Glasfasern in Verbindung mit einer Dreifachverglasung neuesten Stands ein Wert von 0,67 W/m2K möglich.“ So gesehen sei gemessen an der aktuellen EnEV eine deutliche Verbesserung machbar, wenn nur alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft würden. Zugleich betonte Riegler die Notwendigkeit und das damit verbundene Potenzial eines funktionierenden Zusammenspiels zwischen Architekt, Handwerker und Fachplaner. Was passiert, wenn die Kommunikation nicht stimmt, zeigt folgendes Beispiel: In einem von der Nachhaltigkeitsspezialistin projektierten Privathaus waren Holz-Alu-Fenster mit schlanken Profilen zum Einsatz gekommen. Der Rohbau war fertig, das Dach drauf, dann folgten Fenster, Putz und Estrich. Bis der belegreif sei, müssten dem Fundament für den Fußbodenaufbau „Unmengen von Wasser“ entzogen werden. Die Feuchtigkeit habe sich an den Fenstern niedergeschlagen, obwohl sie der Putzer abgeklebt habe. Weil Sinn und Zweck teurer Trocknungsgeräte sich dem Bauherrn nicht erschlossen hätten, habe das Holz aller Fenster Schaden genommen und musste aufwändig neu gestrichen werden. Diese Chancen für Netzwerke stellte auch Burkhard Fröhlich, Chefredakteur der DBZ und ebenfalls studierter Architekt, in den Mittelpunkt seines Vortrags. Gerade der Sanierungsmarkt wachse ständig. Und gemessen am finanziellen Volumen, das sich je Maßnahme seit 1950 verdoppelte, bietet sich hier dem Fachhandwerker ein weites Feld. Dem zumal, der willens und in der Lage ist, sich eben auch als Nachhaltigkeitsspezialist zu profilieren und mit Vertretern anderer Gewerke beziehungsweise mit Architekten, Planern und GU zusammenzutun. Konsequenterweise bezeichnete der Fachjournalist die aktualisierten Dämmwerte in der EnEV 2009 „eben nicht als Verschärfung, sondern als Verbesserung“. Ins gleiche Horn stieß Prof. Dr. h.c. Klaus Layer, der nach jedem Vortrag an die Innungsmitglieder appellierte, sich mit den geltenden Vorgaben auseinander zu setzen und dem Kunden auf dieser Basis Verarbeitungsqualität zu bieten. Dann ergriff Edgar Ettwein, Glaser und Fensterbauer aus Zimmern sowie Obermeister der Glaserinnung Rottweil-Tuttlingen, das Wort. Die folgende Diskussion verdeutlichte schmerzhaft, welche Strukturen in der Fensterbranche aufeinandertreffen. Der Verarbeiter kritisierte, die Verbandsspitze setze sich zu wenig für die Belange kleiner Anbieter ein und befördere die immer rigideren Vorschriften sogar: „Davon, dass Dreifachisolierglas viel schwerer ist und für uns den Aufwand immer mehr nach oben treibt, redet von denen keiner“, machte Ettwein auf Nachfrage der GFF seinen Standpunkt klar. In der Schlussdebatte legte Jochen Grönegräs Wert auf die Feststellung, dass es dem Einsatz aller Verbände zu verdanken sei, dass in der EnEV 2009 wenigstens bei der Mindestanforderung von 1,3W /m2K die zweite Stelle nach dem Komma noch weggefallen sei.

GFF: Herr Niepel, Sie handeln mit Fenstern, konfektionieren Rollläden. Welchen Teil Ihrer Arbeitszeit widmen Sie Informationsangeboten wie hier an der Fensterakademie?
Niepel: Das sind mit Sicherheit 20 Prozent. Es gehört zur Philosophie, dass wir unsere Kunden optimal beraten wollen. Das können wir nur, wenn wir über die entsprechende fachliche Kompetenz verfügen. Deshalb gibt’s bei uns die Weiterbildung nicht nur für den Chef, sondern auch für die Angestellten. Nur so setzen wir uns wirklich von unserem Wettbewerb ab.

GFF: Herr Horn, Sie sind Berater. Wie wichtig ist es für Sie, dass Weiterbildung im Betrieb eine so große Rolle spielt?
Horn: Das ist für mich absolut entscheidend: Nur wenn ich auf dem Laufenden bin, durch Seminare oder Fachzeitschriften, bin ich in meinem Beruf erfolgreich. Und was das Thema Nachhaltigkeit angeht: Dadurch steigen langfristig die Investitionen in den Bau. Für das Handwerk heißt das: Gewinn.
Niepel: Die Trägheit in unserer Branche ärgert mich zum Teil schon. Das Thema Photovoltaik haben wir verpennt, das machen jetzt eben andere. Gerade im Sanierungsmarkt muss der Handwerker fachlich einfach fit sein. Denn anders als im Neubau, wo der Architekt den Ton angibt, ist er hier doch oftmals völlig auf sich alleingestellt.

GFF: Wie groß ist der Beratungsbedarf?
Niepel: Der ist absolut vorhanden. Nur fällt uns auf, dass viele andere Betriebe gar nicht in der Lage sind, über die Erfordernisse der EnEV zu informieren. Dabei wäre gerade hier Aufklärung dringend geboten.

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