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Wunschthema 7/8-2011 Im Anfang war das Float

Über einen Kilometer erstreckt sich die Produktionsstätte, die Interpane mit dem damaligen Joint-Venture-Partner Pilkington 2000 ins lothringische Hügelland bei Seingbouse setzte. Heraus kommt der Treibstoff für eine ganze Branche – unaufhörlich.

Fest halte ich meine Kamera umklammert, die Knöchel zu beiden Seiten des Gehäuses zeichnen sich weiß gegen die Dunkelheit ab. Dann öffnet der Mann mit dem gelbem Helm und der Arbeitsschutzjacke die schmiedeeiserne Tür. Dass er das nicht mit Handschuhen, sondern mit einer Art Schürhaken tut, hätte mir zu denken geben sollen. Im nächsten Moment schlägt mir die Hitze nicht nur ins Gesicht, sondern auch beinahe den Foto - apparat aus der Hand. Wobei die Sprache dafür, eine Temperatur von mehr als 1.000 Grad Celsius aus ein paar Zentimeter Entfernung buchstäblich hautnah zu erleben, kaum Ausdrucksmöglichkeiten parat hat. Zum Vergleich: Wer in voller Montur einschließlich Sicherheitsausrüstung in der Sauna steht, der japst bei weniger als 100 Grad Celsius. Ich versuche, mit dem Zoom die Linse so weit in Richtung des Inneren der riesigen Schmelzwanne zu bewegen, dass der Blick auf das Geschehen unverstellt ist. Eine Art Schaufel schiebt unaufhörlich neues Gemenge in die Wanne, von mir aus gesehen links lösen sich sämtliche Strukturen glutrot auf. Sehr schnell perlt der Schweiß von meiner Stirn auf das Kameragehäuse. Dann muss ich mich abwenden. Kaum einer wäre für solch ver - trauens bildende Maßnahmen wie eine Führung durch die Produktionsstätte Seingbouse besser geeignet als Francis Ritleng. Mit Interpane-Gründer Georg F. Hesselbach erlebte er die Anfänge des Standorts, der eine Autostunde von Karlsruhe entfernt liegt. Mit seinen Worten klingt das so: „Als wir uns für Seingbouse entschieden hatten, musste ich erst mal die französischen Behörden beruhigen. Das war nicht einfach, immerhin sprachen wir über eine Ansiedlung mit einer Länge von einem Kilometer.“ Gestartet war das Projekt dereinst als Joint Venture zwischen Pilkington und Interpane. Im Jahr 2007 schließlich übernahm Interpane die Anteile des JV-Partners und betreibt seitdem das Werk in eigener Regie. Heute arbeiten 180 Beschäftigte in Seingbouse. Es werden zirka 22 Millionen Quadratmeter Glas produziert. Dessen Verwendung lässt sich grob in beschichtetes Glas, Float und VSG dritteln, die Produkte gehen in eigene Isolierglasbetriebe ebenso wie in den freien Markt. Für den weltweiten Umsatz des Herstellers mit Sitz im niedersächsischen Lauenförde, den Marketingleiter Rainer W. Schmid im Vorgriff auf 2011 mit zirka 300 Millionen Euro ansetzt, spielt die Anlage in Lothringen jedenfalls eine tragende Rolle. Zwar bezeichnet der Branchenprofi Float vor der GFF-Filmkamera als Commodityprodukt (siehe Onlinehinweis am Textende). Gleichzeitig ist der Rohstoffzugang eine wichtige Voraussetzung.

Float ist Float

Dabei hat sich am Spagat in den elf Jahren, die die Wanne an der deutsch-französischen Grenze jetzt läuft, nichts geändert. Abgesehen vom teureren Weißglas für die Solarindustrie, das Interpane in einem Joint Venture mit Scheuten in Osterweddingen bei Magdeburg produziert, gibt es außer Soft Skills wie Lieferfähigkeit, Termintreue und technischem Support kaum Möglichkeiten, sich mit dem Produkt zu differenzieren. Dennoch bleibt das Basisglas die Voraussetzung für jedwede Weiterverarbeitung und in gewisser Weise der Treibstoff der Branche. Die Float herstellung selbst ist ein außer - ordentlich anspruchsvolles Verfahren, bei dem es darum geht, alle Prozesspara - meter peinlichst genau einzuhalten. Das beginnt bei der exakten Mischung und Auswahl der Rohstoffe, die keine Verunreinigung aufweisen dürfen, setzt sich fort mit der eigentlichen Schmelze unter definierten Bedingungen und reicht bis zum Bad aus geschmolzenem Zinn, auf dem das flüssige Glasband seine planparallele Oberfläche erreicht. Stimmen alle Randbedingungen, läuft die Floatanlage von Seingbouse 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang.

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