Glas -

Energieeffizienz als beherrschendes Thema Der Glaskongress des BF in Potsdam

Energieeffizienz hat den Kongress des Bundesverbands Flachglas am 15. und 16. April 2010 in Potsdam thematisch eindeutig dominiert. Das heißt nicht, dass sich alle einig gewesen wären.

Ein Raunen geht durch die Menge aus 150 Unternehmern, die sich unweit von Sanssouci im Konferenzraum eingefunden haben. Sie repräsentieren Beschichter sowie Basisglashersteller, Isolierglasproduzenten und Anbieter von ESG oder VSG. Außer bei den zwei zuletzt genannten Produktgruppen erreicht der Bundesverband eine Marktabdeckung von 100 Prozent, bei ESG und VSG sind es vier Fünftel. Vor - sitzender Thomas Dreisbusch will deshalb in Zukunft auch Hersteller aufnehmen, die ihren Sitz außerhalb Deutschlands haben; in Zeiten einer globalisierten Wirtschaftswelt ein logischer Schritt, wie er sagt.

Das Raunen zeigt, dass der Reflex noch immer funktioniert. Die Rede ist von des Deutschen liebstem Kind, dem Automobil. Und als Prof. Dipl.-Ing. Peter O. Braun von der HafenCity Universität Hamburg ein Bild an die Wand wirft, das für 42,51 Liter Sprit an der imaginären Zapfsäule einen Preis von 221 Euro aufruft, da kommt Bewegung in die Ränge. Mit einer gewissen Nonchalance setzt er hinzu, das Klimaziel, den Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren, werde die Welt vor keine allzu großen Probleme stellen.

Denn: Die endlichen Ressourcen Öl, Gas, aber auch Natururan seien dann so gut wie verbraucht. Dabei sei während der erdgeschichtlich gesehen kurzen Phase der Förderung etwa das schwarze Gold von einem Bruchteil der Weltbevölkerung derart verschleudert worden, dass er sich heute schon Vorwürfe kommender Generationen vorstelle. Touché, denn ansonsten scheut der Wissenschaftler nicht den Widerspruch. Den erntet der Professor, als er ob des Aussterbens der Eisblumen auf der Fensterscheibe von Wehmut (ein Witz?) spricht, „sehr gute Zweifach- besser als Dreifachscheiben“ nennt und die DIN V 18599 als „viel gehasste Norm“ bezeichnet. Nun hat Prof. Dr. Anton Maas selbst an dem mit 800 Seiten zugegeben umfangreich geratenen Werk mitgearbeitet. Der Leiter des Fachgebiets Bauphysik an der Uni Kassel weist darauf hin, dass es sich ungeachtet dessen um einen innovativen und praxisnahen Ansatz der Normung gehandelt habe. Das dem zugrunde liegende Prinzip, eine Energiebilanz für Gebäude aufzustellen, habe Eingang in die EnEV gefunden; dort sei an einer Art Modellgebäude vorexerziert worden, welches Bauteil welche Referenzanforderungen (für Fenster die berühmten 1,3 W/m2K) erfüllen müsse, damit das Ensemble die Vorgaben der Verordnung schafft. Beim Glas scheint ein Paradigmenwechsel bevor zustehen. Maas: Noch bei einem Fensteranteil von 50 Prozent bezogen auf eine EFH-Fas sade überwiegen die Wärmegewinne die Transmissionswärmeverluste. Ebenfalls mit einem Irrtum räumt Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf auf, der reißerische Schlagzeilen wie „Fällt die Klimakatastrophe aus?“ als „Quatsch“ bezeichnet. Vielmehr müsse der CO2-Ausstoß ab sofort abgesenkt werden, um die bis 2050 angestrebte Reduktion um 80 Prozent zu schaffen. Und das trotz der Entwicklung von China und Indien. Dabei würde es am Temperaturanstieg von 0,7 bis 0,9 Grad Celsius nichts mehr ändern, nur die weitere Zunahme verhindern.

GFF hat nachgefragt bei Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf

GFF: Herr Prof. Rahmstorf, zu Ihrer Kritik an der oftmals verzerrten Darstellung des Klimawandels in den großen Zeitschriften: Ist das Unwissen oder politisch gewollt?
Rahmstorf: Beides. Belegt ist, dass Energiekonzerne wie Exxon Mobil Think Tanks finanzieren, die mit pseudowissenschaftlichen Studien und professioneller PR Verwirrung stiften. Hinzu kommt, dass sich diese Artikel gut verkaufen. Sie beruhigen Leser, wir alle könnten im Grunde weitermachen wie bisher.

GFF: Sie haben alternativ noch ein zweites Ausstiegsszenario für das Absenken des CO2-Ausstoßes entworfen; danach könnten wir bis 2020 erst mal weitermachen ...
Rahmstorf: ... wie bisher und müssten dann die Emissionen jedes Jahr um neun Prozent reduzieren. Das ist ökonomisch allerdings gar nicht machbar. Wir leiden heute darunter, dass nicht 1992 nach dem Erdgipfel von Rio begonnen wurde: Damals hätte man den Ausstoß der Treibhausgase ganz gemütlich senken können.

GFF: Kleine Fensterbauer fürchten die nötigen Investitionen, um die EnEV-Werte zu erreichen. Haben Sie dafür Verständnis?
Rahmstorf: Natürlich, aber ohne massive Anstrengungen können wir diese Klimakrise nicht bewältigen. Die Politik sollte die Rahmenbedingungen dafür so gestalten, dass sich die nötigen Investitionen auch lohnen.

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