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Präsident der glasstec 2010 Das große GFF-Interview mit BIM Martin Georg Gutmann

Zur glasstec 2010 spricht Bundesinnungsmeister Martin Georg Gutmann in GFF über den Zuschnitt der Messe sowie über Marktchancen und die mangelhafte Außendarstellung des Handwerks.

GFF: Herr Gutmann, Ihr Betrieb ist mehr als 100 Jahre alt. Mit Blick auf das, was Ihr Großvater und dann der Vater aufgebaut haben: Wie hat sich der Beruf verändert?
Gutmann: Man kann sich das heute nicht vorstellen. Mein Großvater, der hatte ein Fahrrad und einen Holzschuppen. Und ein paar Werkzeuge wie Glasschneider oder Haumesser. Damit hat er eine fünfköpfige Familie ernährt. Mit dem Bauboom in den 60er und 70er Jahren sind wir stark gewachsen. Mein Vater entdeckte Mengkulang für den Fensterbau und führte das Holz später selbst aus Malaysia ein. Dafür stellte er eigens auf teure Widia-Werkzeuge um. Nächster Schritt war die staatliche Subventionierung, damals begann der Siegeszug industriell hergestellter Kunststofffenster.

GFF: Auch Ihr Betrieb baut heute fast nur noch Kunststofffenster ein. Bedeuten immer striktere energetische Vorgaben auf Sicht das Aus für das Holzfenster?
Gutmann: Dazu hatte ich am Rande des Weltrekords in Karlsruhe ein Gespräch mit Ministerialdirektor Günther Hoffmann aus dem Bundesbauministerium. Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, was passiert, wenn sich die Vorgaben der EnEV wie angekündigt weiter verschärfen. Schon heute haben Holzund Aluminiumfenster Probleme. Und auch Kunststofffenster werden immer dicker. Ich glaube zwar, dass es immer einen Markt für Holz geben wird. Aber im Fall einer abermaligen Verschärfung müssen neue Werkzeuge und Maschinen angeschafft werden. Weil das für Mittelständler schwierig ist, gerät das Handwerk so weiter ins Hintertreffen.

GFF: In zehn Jahren dürfen nach einer aktuell verabschiedeten Richtlinie in der EU nur noch Niedrigenergiehäuser gebaut werden. Ist es nicht klar, dass sich die EnEV anpasst?
Gutmann: Niedrigenergiestandards können wir auch heute realisieren. Sogar mit einem Isolierglasfenster IV68, wenn in der EnEV die solaren Zugewinne berücksichtigt würden. So aber wird dieser Standard bei einer weiteren Anhebung sterben, und da muss man sich die Verhältnismäßigkeit anschauen. Alte Gläser lagen bei einem U-Wert von fünf W/m2K, dann ging es mit Isolierglas und einem Wert von drei W/m2K fast um die Hälfte runter, später nochmals um mehr als die Hälfte. Mit warmem Randverbund sind wir heute beim Standardglas bei einem W/m2K. Doch in Zukunft geht es nur noch um Zehntel, und zwar mit einem enormen Aufwand.

GFF: Welche Perspektiven sehen Sie in Anbetracht dieser das Handwerk nicht begünstigenden Tendenzen überhaupt für Glaser beziehungsweise Fensterbauer?
Gutmann: Da fällt mir eine Menge ein. Zum einen beschäftigen sich schon heute viele Fensterleute mit Sonnenschutz. Was kein Wunder ist, sind doch Rollladen- oder Jalousiebauer und wir am gleichen Loch im Haus tätig. Weil der Rollladen ausnahmslos Teil einer Fensterausschreibung ist, haben wir früher mit einem Rollladenbauer zusammengearbeitet. Inzwischen bieten wir das selbst mit an. Ganz zu schweigen vom Glas im Innenausbau: Da ersetzen wir heute schon die Fliesen im Bad, machen Tische, Duschen usw. Auch Rollladenkästen sind für uns ein Thema. Und was unser Kerngeschäft angeht, wird es immer Kunden geben, die keine Fenster von der Stange wollen. Da bietet zum Beispiel der Bereich Denkmalschutz Perspektiven.

GFF: Dagegen hat sich der Glaser bei Fassaden oder auch Solarglas bzw. PV etwa vom Metallbauer angestammtes Terrain streitig machen lassen. Nützt es da überhaupt noch was, jetzt auf der Messe mit dem Fassaden- Center diese Felder besetzen zu wollen?
Gutmann: Also zunächst mal ist es so, dass wir beim Thema PV eigentlich zu früh dran waren. Denn wir haben schon vor zehn Jahren in Zusammenarbeit mit den Handwerkskammern Fortbildungsmöglichkeiten angeboten, sich für die beim Anschluss der Photovoltaikanlagen anfallenden Elektroarbeiten zu qualifizieren. Leider war das Echo derart schwach, dass wir die Initiative nicht aufrechterhalten konnten. Wir werden aber in dieser Sache noch mal einen neuen Anlauf nehmen. Dass das Thema kommt, ist ja unstrittig. Aber das Handwerk ist eben manchmal träge. Wenn wir über Potenzial sprechen, muss ich auch die Montage anschneiden. Es ist ja nicht so, dass das jeder könnte. Leider lassen wir uns den Einbau aber zunehmend von Hausmeisterservice- Anbietern wegnehmen.

GFF: Wie ist es um den Nachwuchs bestellt? Ist der Beruf attraktiv für Auszubildende?
Gutmann: Dafür ist es uns bisher viel zu wenig gelungen, die vielfältigen Möglichkeiten unseres Handwerks einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Aber wir haben dieses Defizit erkannt und arbeiten hier schon mit einigen Schulen zusammen. Der Landesinnungsverband Nordrhein-Westfalen hat erstmals Radiowerbung geschaltet. Und wir stehen in Kontakt zu den Arbeitsagenturen, da wir der Meinung sind, dass das dort hinterlegte Berufsbild einer Überarbeitung bedarf. Was unser Nachwuchs zu leisten imstande ist, zeigt die fantastische Glastreppe junger Glasermeister, die auf der Messe zu sehen ist.

GFF: Überhaupt ist der Bundesinnungsverband stark in Düsseldorf vertreten, oder?
Gutmann: Ich denke, das kann man sagen. Unser Stand umschließt eine Fläche von mittlerweile 1.400 Quadratmeter. Natürlich stellen wir uns den Messebesuchern mit unseren Ausbildungsstandorten wie Karlsruhe, Vilshofen oder Hadamar vor. Glaser sollten sich aber auch die Sonderschau glass technology live und das FassadenCenter nicht entgehen lassen. Und wir zeigen mit der Verleihung des Glasveredlerpreises und der Ehrung des Glasers des Jahres die ganze Bandbreite und das Leistungsvermögen unseres Berufs. Schließlich sind wir ja auch wer mit 8.000 Betrieben in Deutschland, von denen zirka die Hälfte dem Verband angeschlossen ist. Ich meine: Wenn ich sehe, was Firmen wie Bohle da ausstellen, müsste es eigentlich möglich sein, nur eine Idee von der glasstec mit nach Hause zu nehmen. Und wenn das gelingt, hat sich der Besuch doch gelohnt.

GFF: Leider fehlen große Namen wie die der Glashersteller, die ihre Teilnahme abgesagt haben. Droht das den Eindruck einer Maschinenmesse nicht noch zu verstärken?
Gutmann: Für Handwerker sind sicher nicht alle Hallen gleich relevant und einige große Anlagen gar nicht. Aber ich bin ganz sicher, dass Glaser und Fensterbauer jede Menge wertvoller Anregungen in Düsseldorf finden. Deshalb freue ich mich auf die glasstec 2010.

Georg Gutmann GmbH + Co KG

Martin Georg Gutmann, darauf legt der Bundesinnungsmeister im GFFGespräch Wert, ist in erster Linie immer noch Inhaber eines Handwerksbetriebs. Zwar sind von den ehedem 30 Beschäftigten nur noch fünf geblieben, den Kontakt zur Basis aber hat Gutmann so immer bewahrt. Heute beschäftigt sich sein Betrieb mit Fenstern und Haustüren, zum Teil aus eigener Herstellung, mit Reparaturen, Verglasungen, Sonnenschutz, Ganzglasanlagen, Innentüren, Einbruchssicherungen. Der Umsatz liegt bei zirka zwei Millionen Euro.

Seit mehr als 20 Jahren im Ehrenamt tätig und seit zwei Jahren an der Spitze des Bundesinnungsverbands, hat Gutmann genau analysiert, wie das Handwerk das zweifelsohne vorhandene Potenzial heben kann. Er predigt Offenheit – nicht nur im BIV, wo heute ein auffallend junger Vorstand im Amt ist. Und er setzt auf Kommunikation: „Wenn heute ein Ehepaar, Typ ökologisch interessiert, von mir ein Fenster mit ökologisch behandelter Oberfläche haben möchte, dann kriegt es das bei mir.“

Auch dazu diene ein Messebesuch: „Da mache ich mich schlau über eine Oberflächenbehandlung mit Orangenschalen und darüber, wer so etwas anbietet.“ So nimmt man dem 54-Jährigen ohne Weiteres ab, dass er auch heute noch mal den Weg in sein Handwerk einschlagen würde. Das ist ja auch umso spannender, je mehr Esprit und Ideen vorhanden sind.

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